Mein-dein-unser Teil MARIA SZECSI Es gehört mit zum geistigen Klimawechsel der letzten Jahre, daß die Probleme der Verteilung, sowohl des Einkommens wie des Vermögens, in der Arbeiter¬ bewegung wieder stark an Aktualität gewonnen haben. Am deutlichsten zeigt sich derzeit die Wieder¬ belebung der verteilungspolitischen Diskussion in Deutschland, wo die fortschreitende Konzentration des Vermögens in den Händen einer winzigen Minori¬ tät von Privatpersonen bereits als eine Art von öffentlichem Skandal empfunden wird. So wirkte auch die von dem Regierungsgutachter Professor Krelle er¬ mittelte Zahl — 1,7 Prozent der Haushalte verfügen über 70 Prozent des Produktivvermögens der Bun¬ desrepublik! — fast wie ein Schock. Die deutschen Ge¬ werkschaften erklären, daß sie unter diesen Umstän¬ den wenig Aussicht sehen, die „soziale Symmetrie" auf dem Wege der Lohnpolitik allein dauernd durch¬ setzen zu können. Sie beharren mit immer mehr Nach¬ druck auf ihrem alten Projekt der „Vermögensbildung in Arbeitnehmerhand". Dabei geht es aber nicht mehr um so zahme Refor¬ men wie etwa die steuerliche Begünstigung des Arbeitnehmersparens oder Investivlohnvereinbarun- gen im Sinne des Leber-Plans. Heute denkt man im DBG bereits radikaler. Und zwar an ein Gesetz, durch das ein bestimmter Teil des Vermögenszuwachses der großen Aktiengesellschaften über einen öffentlich¬ rechtlichen Fonds direkt in das (allerdings langfristig gebundene) Eigentum der Arbeitnehmer überführt werden soll (Gleitze-Plan). In Schweden verfolgt man denselben Zweck auf anderem Wege,- nämlich über die Vermögensbildung der Sozialversicherungsinstitute; gleichzeitig mehren sich die Stimmen, die auf eine all¬ gemeine Verringerung des Einkommensgefälles in der Gesellschaft, auf ein größeres Maß an Gleichheit drängen.1 Was die Vermögenskönzentration betrifft, liegen die Dinge in Österreich sieher nicht ganz so im argen wie in den übrigen westlichen Ländern. Dank dem hohen Anteil der Verstaatlichten Industrie und der übrigen gemeinwirtschaftlichen Unternehmen am österreichi¬ schen Produktivvermögen (darunter versteht man die Wertsumme aller im Produktionsprozeß verwendeten Sachanlagen), dank auch dem überwiegend klein- und mittelbetrieblichen Charakter der österreichischen Privatwirtschaft, halten sich die Möglichkeiten auf diesem Gebiet vorläufig noch in vergleichsweise engen Grenzen. Wie eng diese Grenzen wirklich sind, wird man allerdings erst wissen, wenn endlich auch in Österreich das statistische Dunkel um die Besitz- und Einkommensverhältnisse unserer „Obersten Tausend" erhellt wird! 1 Vgl. Alva Myrdal, „Gleichheit neu durchdacht", in „Arbeit und Wirtschaft". Nr. 12/1968. Im Vordergrund der Lohn Im gewerkschaftlichen Denken steht nach wie vor der Kampf um den Lohnanteil an erster Stelle, die Idee der „Vermögensbildung" ist — zum Teil viel¬ leicht eben wegen dieser günstigeren Vermögens¬ struktur — bei den Arbeitnehmern auf eher steinigen Boden gefallen. Aber auch bei uns beginnt man sich zu fragen, ob es in diesem dauernden Wettlauf zwi¬ schen Löhnen, Preisen und Gewinnen wirklich möglich ist und sein wird, den Anteil der Arbeitnehmer am vermehrten Wohlstand zu wahren. Die wahrhafte Gewinnexplosion der Jahre 1968/69 und die immer häufiger werdenden Meldungen über den plötzlichen Höhenflug der österreichischen Managereinkommen geben der Sorge um „Symmetrie" der Einkommens¬ verteilung in letzter Zeit tatsächlich kräftige Nah¬ rung. Wie steht es hier mit den Fakten? Mit den wirt¬ schaftlichen Zusammenhängen? Und schließlich, unter welchen Gesichtspunkten können diese Fakten und Zusammenhänge beurteilt werden? Das Verteilungsproblem Beginnen wir mit dem traditionellen Aspekt des Verteilungsproblems, der sogenannten „funktionel¬ len" Verteilung, oder der Aufteilung des Sozialpro¬ dukts auf Löhne (Arbeitseinkommen) und Gewinne (Kapitaleinkommen). Diese spiegelt sich, allerdings nur sehr ungenau, in der Bewegung des Lohnanteils am Volkseinkommen wider. Der wichtigste Grund für diese Ungenauigkeit ist — neben den allgemeinen Schwächen der Volkseinkom- mensstatistik — die Tatsache, daß es im Wirtschafts¬ leben nicht nur Arbeitnehmer auf der einen und müßige Gewinnbezieher auf der anderen Seite gibt, sondern ein ganzes Heer von kleineren und größeren Unternehmern — Landwirte, Gewerbetreibende, freie Berufe —, die sowohl selber arbeiten als auch Gewinne aus dem investierten Kapital ziehen. Nur die Aktiengesellschaften müssen ihre Gewinne gesondert ausweisen, alle übrigen Gewinnbestandteile gehen statistisch in das „Unternehmer¬ einkommen" ein, wobei der mühsam erzielte Lebensun¬ terhalt des kleinen Greißlers mit den Riesengewinnen so mancher Großun¬ ternehmen, sofern sie eben nicht Ak¬ tiengesellschaften, sondern Gesell¬ schaften mit be¬ schränkter Haftung oder Offene Handelsgesellschaften sind, in einen Topf geworfen wird. EVfl 2 | ARBEIT UND WIRTSCHAFT 2/71