wie weit man dieser Entwicklung die Zügel schießen lassen kann, ohne daß die wachsende Ungleichheit den sozialen Frieden, der bisher für die österreichische Situation so charakteristisch war, ernstlich stört. Wie eine vor kurzem erschienene Studie der UNO7 zeigt, ist trotz der Gleichartigkeit der grundlegenden sozio- ökonomischen Tendenzen der Grad der Ungleichheit der persönlichen Einkommen in den europäischen Län¬ dern außerordentlich verschieden. Es ist kein Zufall, daß jene Länder, in denen er — wie etwa in Frank¬ reich — am höchsten ist, auch am schwersten von * United Nations, „Post-War Incomes in Europe", Genf 1967. sozialen Kämpfen und gesellschaftlichen Spannungen erschüttert sind. Es gibt gewiß keinen absoluten Stand der „Gerech¬ tigkeit" einer Einkommensverteilung, aber ebenso gewiß gibt es ein Gerechtigkeitsbedürfnis in der Ge¬ sellschaft, das nicht ohne Folgen verletzt werden kann. Von diesem Punkt mögen wir in Österreich noch weit entfernt sein, aber es ist nicht zu früh, sich dar¬ über Gedanken zu machen, wo die Grenzen gezogen werden sollen und welches Instrumentarium für eine aktivere Verteilungspolitik, jenseits von „Neidkom¬ plexen", aber diesseits der sozialen Friedensgrenze, entwickelt werden kann. Die Kluft wird immergrößer Gemeint ist die Kluft zwischen den Entwicklungsländern und den hochindustrialisierten Staaten Westeuropas und Nordamerikas. Am Ende der ersten Entwicklungs¬ dekade, die von den Vereinten Nationen proklamiert worden war und die das wirtschaftliche Gefälle zwischen den beiden Ländergrup¬ pen hätte verringern sollen, ist diese Kluft, nicht nur nicht kleiner, sondern sogar größer geworden. Das zeigt sich deutlich in einer nun zum drittenmal erscheinenden Publikation der Weltbank,1 einer Sammlung von grafischen Darstel¬ lungen und Tabellen, deren Stu¬ dium jedem am Problem der Ent¬ wicklungsländer Interessierten zu empfehlen ist. Aus der reichen Fülle des dort gebotenen statisti¬ schen Materials seien hier nur einige besonders wichtige Daten hervorgehoben. Trotz der ununter¬ brochenen Beteuerungen, daß die reichen Länder gewillt sind, alles zu unternehmen, um den Entwick¬ lungsländern zu helfen, den Ab¬ stand aufzuholen, ist das durch¬ schnittliche Pro-Kopf-Bruttonatio- nalprodukt (BNP) von 84 Entwick¬ lungsländern von 1960 bis 1968 zwar von 167 auf 203 Dollar (Kauf¬ kraft 1968) gestiegen, das der sechs führenden Industriestaaten (Bun¬ desrepublik Deutschland, Gro߬ britannien, Italien, Japan, Kanada und der USA) jedoch von durch¬ schnittlich 1532 auf 2113 Dollar, also um 33 Prozent gegenüber einer Steigerungsrate von nur 21 Prozent in den Entwicklungsländern. Von den namentlich angeführten 29 Entwicklungsländern wiesen 1968 acht ein Pro-Kopf-BNP von weniger als 100 Dollar jährlich aus — verglichen mit 1690 Dollar in Österreich. Dabei ist der Nettobetrag der finanziellen Hilfsmittel, die diese auf zwischenstaatlicher und inter¬ nationaler Ebene erhalten, erheb¬ lich gestiegen, und zwar von 8965 Millionen Dollar 1961 auf un¬ gefähr 13.340 Millionen im Jahr 1969, also um etwas weniger als die Hälfte, allerdings ohne Berücksich¬ tigung des durch die internationale Inflation bewirkten Kaufkraft¬ schwundes. Der Nettobetrag, der aus den OECD-Ländern den Ent¬ wicklungsländern und den inter¬ nationalen Organisationen zur Ver¬ fügung gestellten Mittel fiel von 0,96 Prozent des BNP 1961 auf 0,72 im Jahr 1969, hat also das Ziel der Entwicklungsdekade (1 Prozent des BNP) nicht nur nicht erreicht, son¬ dern ist weiter davon entfernt als am Beginn der Dekade. Die Posi¬ tion Österreichs unter den 16 OECD-Ländern, für die Daten publiziert sind, ist beschämend. Österreichs offizielle Entwicklungs¬ hilfe war 1969 mit 0,12 Prozent des BNP der prozentuell niedrigste Beitrag; in der Liste der gesamten finanziellen Hilfen, die aus diesen 16 Ländern in die Entwicklungs¬ länder gingen, wozu auch private kommerzielle Kredite gezählt wer¬ den, figuriert unser Land an viert¬ letzter Stelle. Die Steigerung dieses Zustroms von Finanzen hat aber auch seine Kehrseite. Die öffentlichen Schul¬ den von 81 Entwicklungsländern erhöhten sich zwischen 1961 und 1968 von 21,6 Milliarden Dollar auf etwa 60 Milliarden, also um rund 180 Prozent, und damit der Schul¬ dendienst (Zinsen und Rückzah¬ lungen) von 2,3 auf 5,3 Milliarden Dollar. Da die Erlöse der Entwick¬ lungsländer aus dem Export von 1 Trends in Developing Countries: International Bank for Reconstruction and Development, Washington, D. C., August 1970. Waren und Dienstleistungen nicht im gleichen Ausmaß größer wur¬ den, stieg der Anteil dieses Schul¬ dendienstes 1969 von 6,4 Prozent der Exporterlöse auf etwa 8 Pro¬ zent. Das ist zum Teil auch darauf zurückzuführen, daß die Preise der Exportgüter aus den Entwick¬ lungsländern, in der Hauptsache Rohstoffe, weit hinter der Steige¬ rung der Exportpreise der Indu¬ strieländer, die meistens Fertig¬ waren betreffen, zurückblieben. Noch deutlicher zeigt sich dieser Trend in der Entwicklung der so¬ genannten „terms of trade", der Relation zwischen Export- und Im¬ portpreisen. Der Index dieser „terms of trade" (auf der Basis von 1950 — 100) stieg in den Indu¬ strieländern von 108 in 1961 auf 111 in 1969, in den Entwicklungs¬ ländern jedoch nur von 89 auf 93. Einfacher ausgedrückt, die Preise für die Einfuhren der Entwick¬ lungsländer blieben in der ersten Entwicklungsdekade weiterhin höher als die für die Exporte. Die Entwicklungsländer konnten 1969 für je 100 Dollar, die sie im Export erzielten, nur den Gegenwert von 93 Dollar einführen. Die vor kurzem zu Ende gegan¬ gene 25. Generalversammlung der UNO hat das unbefriedigende Er¬ gebnis der ersten Entwicklungs¬ dekade festgestellt und eine zweite für die siebziger Jahre beschlossen. Wiederum haben sich die „entwik- kelten" Mitgliedsstaaten der Welt¬ organisation dazu verpflichtet, bis 1975 mindestens 1 Prozent ihres Bruttonationalprodukts für Ent¬ wicklungshilfe aufzubringen. Nach den bisherigen Erfahrungen ist das jedoch kaum zu erhoffen, hat doch der Reichste unter ihnen, die Ver¬ einten Staaten von Amerika, 1969 nur 0,49 Prozent des BNP aus offiziellen und privaten Quellen in die Entwicklungsländer fließen las¬ sen. Peter Anders 6 j ARBEIT UND WIRTSCHAFT 2/71