ÖGB ist initiativ" Die Problematik der Beschäfti¬ gung von rund 155.000 ausländi¬ schen Arbeitskräften in Österreich begegnet uns auf Schritt und Tritt. Selbstverständlich ist auch der Osterreichische Gewerkschaftsbund als Interessenvertretung der Ar¬ beitnehmer damit konfrontiert. Über Maßnahmen und Pläne des ÖGB sprach Ernst Moravec mit dem für Organisation und Koordi¬ nation zuständigen Leitenden Sekretär des ÖGB, Abg. Erich Hofstetten Arbeit und Wirtschaft: Was be¬ trachtet der ÖGB als seine wichtig¬ sten Aufgaben in bezug auf die Gastarbeiter? Hofstetter: Grundsätzlich müssen wir dafür sorgen, daß ihre arbeits- und sozialrechtlichen Ansprüche gewahrt werden, die ihnen gesetz¬ lich ebenso wie den österreichi¬ schen Kollegen zustehen. Im Be¬ trieb setzen sich die Betriebsräte d:ifür ein, bei über den Betrieb hinausgehenden Fragen stehen un¬ sere Beratungsstellen in den Be¬ zirkssekretariaten und in den Ge¬ werkschaften zur Verfügung. Außerdem bekommen die Gast¬ arbeiter von uns — über Betriebs¬ räte und Bezirkssekretariate — ein zweisprachiges Informationsblatt mit den wichtigsten Auskünften über ihre Rechte. Ein großes Ar¬ beitsgebiet sind natürlich Ma߬ nahmen, die sich auf die Freizeit der Gastarbeiter beziehen. Arbeit und Wirtschaft: Nützen die Gastarbeiter die Möglichkeit, sich in den Beratungsstellen des ÖGB Information zu holen? Hofstetter: Nach unseren bisheri¬ gen Erfahrungen: ja. Dies resultiert vor allem schon daraus, daß der Organisationsgrad der Gastarbeiter befriedigend ist und sie den Ge¬ werkschaften meist sehr positiv ge¬ genüberstehen. Arbeit und Wirtschaft: Um auf den Freizeitsektor zurückzukom¬ men — was tut oder plant der ÖGB in dieser Hinsicht? Hofstetter: Wir wollen vielleicht zwei Gebiete voneinander trennen: Maßnahmen, die den Gastarbeitern ermöglichen sollen, sich in ihrem Gastland wohl zu fühlen, und Ma߬ nahmen, die ihnen weiterhelfen sol¬ len. Zu letzterem Punkt zählen alle Möglichkeiten einer Weiterschu¬ lung, die vom ÖGB unterstützt werden. Zur Überwindung der Sprachbarrieren werden vom ÖGB Deutschkurse der Volkshochschulen angeregt. Die Werbung für diese Kurse wird von den Betriebsräten und den Bezirkssekretariaten durchgeführt, das Material für die Sprachkurse müßte zur Verfügung gestellt werden. Arbeit und Wirtschaft: Und wie steht es mit der sogenannten Frei¬ zeitgestaltung? Hofstetter: Vor allem muß man klarstellen, daß es hier nicht ein¬ fach darum geht, Möglichkeiten für den Zeitvertreib zu schaffen. Ge¬ rade in seiner Freizeit hat es der Gastarbeiter am schwersten, schwe¬ rer als im Betrieb. Wir müssen ihm die Grundlage dafür bieten, daß er sich wohl fühlt, daß er sich in Öster¬ reich als Mensch fühlen kann. Das ist für die Beziehung zwischen Her¬ kunftsland und Gastland, dafür, was man in Jugoslawien oder in der Türkei über unser Land denkt und spricht, ungeheuer wichtig. Wir hal¬ ten mit den Gewerkschaftsverbän¬ den Jugoslawiens und der Türkei ständig Kontakt, erhalten dadurch Anregungen und Hilfe bei der Organisierung von kulturellen Ver¬ anstaltungen wie zum Beispiel Hei¬ matabenden mit namhaften Kräf- len etwa des Zagreber Rundfunks. Die organisatorische Durchführung übernimmt der ÖGB, die Kosten werden durch den Verkauf von Eintrittskarten gedeckt. Ein we¬ sentlicher Punkt ist auch die För¬ derung von Freizeitklubs. Der ÖGB hat mehreren Gruppen, die sich zu¬ sammengefunden haben, Lokalitä¬ ten, Einrichtung und Material für die Freizeitbeschäftigung zur Ver¬ fügung gestellt. Das kann und soll aber nur eine Starthilfe sein. In der Folge müssen sich die Klubs im wesentlichen selbst verwalten und auch die laufenden Ausgaben aus den Klubbeiträgen der Mitglieder bestreiten. Eine Arbeitsgemein¬ schaft dieser Vereinigungen, die die Aktivitäten der einzelnen Klubs koordiniert und verbessert, wäre sicherlich nützlich. Arbeit und Wirtschaft: Gibt es eine Zusammenarbeit zwischen ÖGB und anderen Institutionen? Hofstetter: Wir stehen in ständi¬ gem Kontakt mit den Arbeits¬ ämtern und den Wirtschaftskam¬ mern, mit denen ja auch die Kon¬ tingente vereinbart werden. Auch mit öffentlichen Dienststellen des Bundes, der Länder und Gemein¬ den haben wir Kontakt. Gemein¬ same Informationsstellen — oder besser: Servicestellen — sind im Gespräch, wo der Gastarbeiter über alle Fragen Rat und Auskunft er¬ halten kann. Damit sollen langwie¬ rige Laufereien von einem Amt zum anderen vermieden werden. Die rechtliche Situation würde durch ein bereits geplantes moder¬ nes Ausländerbeschäftigungsgesetz wesentlich übersichtlicher werden. Derzeit gilt noch immer die reichs- deutsche Verordnung über auslän¬ dische Arbeitnehmer vom 23. Jän¬ ner 1933, die 1938 auch in Öster¬ reich in Kraft gesetzt worden ist. Sie entspricht natürlich den heuti¬ gen Anforderungen nicht mehr. Arbeit und Wirtschaft: Plant der ÖGB organisatorische Verbesserun¬ gen? Hofstetter: Wir wollen den Kon¬ takt mit den Gastarbeitern dadurch verbessern, daß wir zentral einen serbokroatisch sprechenden Funk¬ tionär einsetzen werden. Dieser Mann könnte auch Materialien aus¬ arbeiten, die die Landesexekutiven und Gewerkschaften benötigen. Auch eine entsprechende Beilage in der „Solidarität" wäre günstig. Arbeit und Wirtschaft: Kollege Hofstetter, das klingt alles sehr positiv. Vielleicht zu positiv, wenn man bedenkt, welche Mißstände es in der Praxis gibt? Hofstetter: Alles, wovon wir bis¬ her gesprochen haben, bezieht sich natürlich nur auf jene Gastarbeiter, die auf Grund von Beschäftigungs¬ und Aufenthaltsgenehmigung ar¬ beitete; die uns allen bekannten schrecklichen Mißstände, etwa bei Quartierfragen, betreffen hingegen meist illegale Einwanderer, „Touri¬ sten", die ohne Aufenthaltsgeneh¬ migung einreisen und ohne Be¬ schäftigungsgenehmigung arbeiten. In diesen Fällen ist der ÖGB machtlos, hat er keine Möglichkei¬ ten, helfend einzugreifen. Allge¬ mein kann man aber feststellen: wo Gastarbeiter legal beschäftigt werden, wo es agile Betriebsräte und starke Gewerkschaftsorganisa¬ tionen gibt, dort gibt es auch die wenigsten Mißstände und Schwie¬ rigkeiten. Arbeit und Wirtschaft: Wir dan¬ ken für das Gespräch. 4 J ARBEIT UND WIRTSCHAFT 10/71