Jeder dritte Arbeiter in Vorarlberg ist ein Gastarbei¬ ter. Die Wiener Wirtschaft würde — wie auch die Wirtschaft Österreichs überhaupt—zurückfallen, wür¬ den wir nicht genügend Gastarbeiter beschäftigen. Habe ich vorerst versucht, die menschlichen Aspekte des Gastarbeiterproblems zu beleuchten, so möchte ich mich nun der wirtschaftlichen Seite zuwenden. Unsere Wirtschaft, besser gesagt jede Wirtschaft, läuft nach einem bestimmten Zyklus ab. So ist unsere Wirtschaft zum Beispiel konsumorientiert, das heißt, auf einen einfachen Nenner gebracht, daß der Bedarf nach Konsumgütern groß ist. Dieser Bedarf (Nachfrage) verlangt eine verstärkte Produktivität. Je mehr produziert wird, um so mehr Waren können auf dem Markt zur Bedarfs¬ deckung angeboten werden. Von dieser Wechselbezie¬ hung zwischen Angebot und Nachfrage wird auch der Preis der Waren bestimmt. Nur ein verstärktes An¬ bieten von Waren kann bei gleichbleibender Nach¬ frage, die als gegeben anzusehen ist, niedrige Waren¬ preise bewirken. Erhöhte Produktivität sichert uns allen nicht nur Vollbeschäftigung, sondern bringt uns auch Wohlstand. Die Produktion hat nun ihrerseits einen großen Arbeitskräftebedarf, der auch nur durch ein verstärktes Anbieten von Arbeitskräften gedeckt werden kann. Ganz entschieden muß etwaigen Bedenken bezüglich des eigenen Arbeitsplatzes entgegengetreten werden. Die Beschäftigung von Gastarbeitern bringt nicht den eigenen Arbeitsplatz in Gefahr, denn nur eine florie¬ rende Wirtschaft sichert den Arbeitsplatz, und unsere Wirtschaft braucht zum Glück mehr Arbeitskräfte, als der inländische Arbeitsmarkt aufbringen kann. Wir sind also auf die ausländischen Arbeitskräfte angewiesen. Diese ausländischen Arbeitskräfte ermög¬ lichen uns ja erst zum Teil durch ihre Arbeit unseren Wohlstand. Nicht nur ihre quantitative Leistung soll hier besprochen werden, sondern auch die qualitative. Werden doch gerade jene Arbeiten von den ausländi¬ schen Arbeitskräften verrichtet, die sich für Inländer vielfach als nicht attraktiv genug darstellen. Besteht doch das Bedienungspersonal im Gast- und Schank- gewerbe, das Reinigungspersonal sowie das indu¬ strielle und baugewerbliche Hilfspersonal zu einem beträchtlichen Teil aus Gastarbeitern. Laut der aus dem Konjunkturbericht für das Jahr 1971 zu entnehmenden Statistik verteilen sich die ausländischen Arbeitskräfte hauptsächlich auf fol¬ gende Berufsgruppen: Metall, Fremdenverkehr, Be¬ kleidung, Bauwesen, Handel, Chemie und Textil. Insgesamt fanden in Wien im Monat März 1971 49.900 Gastarbeiter Beschäftigung. Zum Vergleich da¬ zu gab es im Monat Feber 1971 in Wien noch immer 14.448 offene Stellen. Im gleichen Monat des vorigen Jahres betrug die Zahl der offenen Stellen 12.843. Aus dieser Steigerung der Anzahl der offenen Stellen um 12,5 Prozent ist die Expansion und der damit verbundene Arbeits¬ kräftemangel der Wiener Wirtschaft erkennbar. Ver¬ anschaulicht wird diese Tendenz auch dadurch, wenn man nun die Zahl der Arbeitssuchenden vergleicht. Gab es im Feber 1970 noch 12.841 Arbeitssuchende, so sank diese Zahl im Feber 1971 auf 11.377, also eine Verringerung um 11,7 Prozent. Verschärft wird der Arbeitskräftemangel noch durch die Zahl der soge¬ nannten Auspendler, das sind diejenigen Personen, die zwar in Wien wohnhaft sind, aber ihren Arbeitsplatz außerhalb Wiens haben. Diese Zahl belief sich im Jahre 1970 immerhin auf 22.000 Personen. Diese Zahlen untermauern zweifelsfrei die Notwen¬ digkeit und die Bedeutung der Gastarbeiter für die Wirtschaft der Bundeshauptstadt. Ohne Einsatz von ausländischen Arbeitskräften wäre das Wirtschafts¬ wachstum und die damit verbundene Steigerung des Nationalproduktes unmöglich. So konnte zum Beispiel das österreichische Bruttonationalprodukt im Jahre 1970 im Vergleich zum Jahre 1969 nominell um 12 Pro¬ zent beziehungsweise 7,1 Prozent real gesteigert wer¬ den. Auch ein eventuelles Zurückgreifen auf die stillen Arbeitskraftreserven, nämlich durch Erfassung der zirka 215.000 nicht berufstätigen in Wien lebenden Frauen, kann nicht den akuten Arbeitskräftemangel beheben, da dieser Vorgang mit Rücksicht auf die damit verbundenen familiären Probleme nur zum Teil gangbar erscheint. Gastarbeiter sind auch Konsumenten Die Beschäftigung der Gastarbeiter darf aber nicht nur von der Produktion her betrachtet werden, son¬ dern muß auch im Hinblick auf die Konsumation gese¬ hen werden. Die Gastarbeiter sind ihrerseits Konsu¬ menten, die ihren Bedarf nach Gütern haben, also einen zusätzlichen Absatzmarkt für die heimische Wirtschaft darstellen. So fließt ein Teil des von den Gastarbeitern verdienten Geldes wieder in die heimi¬ sche Wirtschaft zurück. Das angeschnittene Thema stellt sich derart viel¬ schichtig dar, daß man noch einen weiteren Aspekt in Betracht ziehen muß, nämlich den bevölkerungspoliti¬ schen. War Wien einst Hauptstadt eines Staates mit einer Bevölkerung von zirka 52 Millionen Menschen und einer Flächenausdehnung von zirka 677.000 qkm, so ist Wien heute die Bundeshauptstadt eines nur knapp 84.000 qkm umfassenden Staates, mit einer Be¬ völkerung von etwas über 7 Millionen Menschen. Er¬ hielt Wien früher seinen Bevölkerungszuwachs durch den Zuzug aus den damaligen Ländern der Donau¬ monarchie, so können wir derzeit nur aus einem ver¬ hältnismäßig kleinen Einzugsgebiet auf Bevölkerungs¬ zuzug rechnen. Infolge der zurzeit rückläufigen Ge¬ burtenanzahl nimmt die Bevölkerungszahl Wiens jährlich ab. Sicherlich wird sich diese Tendenz wieder beruhigen, wobei das Manko zum Teil durch den Zuzug aus den Bundesländern sowie auch durch den Verbleib von Gastarbeiterfamilien wettgemacht werden kann. Zur Völkerverständigung beitragen Nicht unerwähnt soll auch der Umstand bleiben, daß die Eindrücke, die die Gastarbeiter von unserer Stadt 10/71 ARBEIT UND WIRTSCHAFT | 11