Der DGB begrüßt die Neu¬ ordnung des Hochschulwesens Diese Stellungnahme des österreichischen Gewerk¬ schaftsbundes zum Universitäts-Organisationsgesetz wurde vor der Verabschiedung der Regierungs¬ vorlage auf Grundlage des Universitäts-Organisations- gesetz-Entwurfes 1972 zusammengefaßt, so daß nicht im einzelnen auf Veränderungen eingegangen werden kann. Der nun von der Bundes¬ regierung verabschiedete Ent¬ wurf sieht in vielen Punkten eine Glättung gegensätzlicher Standpunkte vor. Im einzelnen ist jedoch einerseits die Ein¬ richtung hochschuldidaktischer Zentren, anderseits die Schwä¬ chung der Mitbestimmungsrege¬ lung im Rahmen des Instituts hervorzuheben. Die Vorlage des Entwurfes des Universitäts-Organisations- gesetzes, womit nun die seit Jahren stattfindende Diskussion um die Reform der österreichi¬ schen Hochschulen konkreti¬ siert und den Vorstellungen der Modernisierung und Demo¬ kratisierung des österreichi¬ schen Hochschulwesens zum Durchbruch verholten werden soll, wurde vom ÖGB begrüßt. Den Gewerkschaften kann die Art und Weise, wie Fach¬ leute an Hochschulen ausgebil¬ det werden, nicht gleichgültig sein, da doch jene Fachleute ausgebildet werden, die die Produktivkraft Wissenschaft durch ihre berufliche Tätigkeit erst konkret werden lassen, und in der Forschung die wis¬ senschaftliche Erkenntnis ver¬ mehrt und überprüft wird. Dabei sind sowohl die wis¬ senschaftlichen Inhalte und ihre Verwertung nach den Zielset¬ zungen einer demokratischen und kritischen Gesellschafts¬ politik zu überprüfen wie auch die Organisationsformen jenen Bedürfnissen anzupassen. Grundsätze Der Gefahr der wachsenden Entfremdung der Hochschulen von der gesellschaftlichen Wirk¬ lichkeit, der Gefahr der zuneh¬ menden Isolierung von gesell¬ schaftlichen Tendenzen muß eben, soll die Wissenschaft nicht selbst Schaden erleiden, durch eine Anpassung an die allgemeinen Bedürfnisse einer Gesellschaft entgegengetreten werden Folgende in diesem Gesetz fundierte Prinzipien werden als wesentlich erachtet: 1. Transparenz der Entschei¬ dungsstrukturen und die über¬ sichtlichere funktionelle Gliede¬ rung erscheint mit diesem Ge¬ setz gegenüber der bisherigen Organisation eher gegeben. Der Vorteil gegenüber der bisherigen Organisation zeigt sich daraus, daß die einzelnen Entscheidungsbereiche klar ge¬ geneinander abgegrenzt wer¬ den. Die erhöhte Anzahl der Gremien, der damit verbunde¬ ne Arbeitsaufwand könnte durch zügigere und eindeuti¬ gere Entscheidungen kompen¬ siert werden. Die Transparenz der Entscheidungen um die klar definierte Verantwortlichkeit so¬ wie die Verlagerung vieler Ent¬ scheidungen auf die Ebene der Institutskonferenz erscheint sinnvoll, weil hier die größte Praxisnähe gegeben ist und daher die sachkundigsten Ent¬ scheidungen getroffen werden können. 2. Im Rahmen der Veränderung der Entscheidungsstrukturen und der Einführung von Mit¬ bestimmungsmöglichkeiten ist besonders zu begrüßen, daß das nichtwissenschaftliche Per¬ sonal in seinen Funktionen für den Wissenschafts- und Ausbil¬ dungsbetrieb erstmals in einem Hochschulgesetz in entspre¬ chender Weise anerkannt wird und bei den Entscheidungs¬ strukturen Berücksichtigung findet. Die gesamte Lehr- und For¬ schungstätigkeit hängt doch von der verantwortlichen Mit¬ arbeit des nichtwissenschaft¬ lichen Personals weitgehend ab! Die Einbeziehung der wis¬ senschaftlichen Assistenten, die endlich die ihnen zustehen¬ de Mitbestimmung in allen Gremien erhalten sollen, sowie die Lockerung der Bindung an die Professoren und die Firmen sowie die Möglichkeit studen¬ tischer Mitbestimmung bedeu¬ ten einen großen Fortschritt im Hinblick auf die demokratische und wirksame Umgestaltung unserer Hochschulen. Die De¬ mokratisierung des Wissen¬ schaftsbetriebes im Rahmen eines kooperativen Lehr- und Forschungsprozesses muß allen an diesem Prozeß beteiligten Personen das Recht der Mit¬ entscheidung über die zu sei¬ ner Fortführung notwendigen Maßnahmen ermöglichen. Dabei kommt der Entwurf dem Anspruch einer »abgestuf¬ ten Mitbestimmung« nach, die eine qualifikationsbezogene und dem kooperativen Wissen¬ schaftsprozeß verpflichtete Form vorschlägt. Eine Entschei¬ dungsstruktur wird eingerichtet, die nach den verschiedenarti¬ gen Bedürfnissen und Inter¬ essen der einzelnen Gruppen differenziert und die gesamte Lehr- und Forschungstätigkeit an der Hochschule entscheidet. 3. Administrativer und wissen¬ schaftlicher Bereich werden eng verflochten. Aufgaben des Lehr- und Forschungsbereiches werden durch die Schaffung von zentralen Einrichtungen verbunden. Das ermöglicht Pla¬ nung, Koordinierung und Kon¬ trolle des wissenschaftlichen Forschungs- und Lehrbetriebes. Die genauere Umschreibung von Arbeitsbereichen löst die administrativen Probleme eher als bisher und erreicht dadurch zweifellos eine erhöhte Ver¬ waltungskapazität. Die Ent¬ lastung des lehrenden und for¬ schenden Personals von ad¬ ministrativer Tätigkeit wird zweifellos auch die Verwirk¬ lichung administrationsinten¬ siver Entscheidungen beschleu¬ nigen. 4. Diesem vorliegenden Gesetz¬ entwurf muß größere gesell¬ schaftliche Verantwortung be¬ stätigt werden, als dies bisher in irgendeinem Hochschul¬ gesetz vorhanden war. Schon die Grundsätze und Aufgaben des § 1 machen die Absicht deutlich, bisherige hier¬ archische und schwer kontrol¬ lierbare Organisationsformen des Wissenschaftsbetriebes in kooperative und demokratische umzuwandeln. Der Weg, der durch die 5. HOG-Novelle be¬ reits begonnen wurde, nämlich die Verstärkung der Transpa¬ renz an der Hochschule (durch öffentliche Ausschreibung der zu besetzenden Dienstposten) und Demokratisierung (Mitbe¬ teiligung in Kommissionen) wird in diesem Gesetz kon¬ sequent fortgesetzt. Durch die Ermöglichung von kooperativen Prozessen im Wissenschafts¬ betrieb wird eine wesentlich größere Effektivität als bisher erreicht. 5. Die Autonomie der Hoch¬ schule als ein den Besonder¬ heiten des Wissenschaftsbetrie¬ bes entsprechender interner Freiraum bleibt bewahrt. Des¬ sen Entscheidungs- und Or¬ ganisationsstrukturen unter¬ scheiden sich zwar von denen anderer Institutionen, müssen aber dennoch den Grundsätzen der demokratischen Willensbil¬ dung und der optimalen Erfül¬ lung des gesellschaftlichen Auf¬ trages folgen. Eine Entfremdung der Hoch¬ schulen von der Gesellschaft würde die Gefahr verstärken, daß die Hochschulen viel von ihrem derzeitigen wissenschaft¬ lichen Potential verlieren und dieses in andere nicht staat¬ liche Bereiche abwandert und damit erst recht den Interessen der Gesamtgesellschaft an der Wissenschaft und den Hoch¬ schulen zuwiderläuft. 6. Ein im wesentlichen praxis¬ orientierter und mit weniger Leerlauf nach den Organisa¬ tionsgrundsätzen des Universi- täts-Organisationsgesetzes fol¬ gender Ablauf des Lehr- und Forschungsbetriebes erfüllt eher die Bedürfnisse derer, die künftig im Beruf stehen und läßt damit langfristig einen bes¬ seren Einsatz der Wissenschaft in unserer wirtschaftlichen Struktur erwarten. Dadurch, daß alle Angehöri¬ gen der Hochschule an dem für ihre Arbeit entscheidenden Willensbildungsprozeß maßgeb¬ lich teilnehmen können, wird ihnen auch die Verpflichtung auferlegt, ihren Entscheidungen mehr als nur das standespoliti¬ sche oder kurzfristige Inter¬ esse zu unterstellen. Die demokratische und effek¬ tive Umgestaltung der Hoch¬ schulen wird daher nicht ohne Folgen für ein besseres Ver¬ ständnis der Öffentlichkeit für die Wissenschaft und eine bes¬ sere Verwertung der Wissen¬ schaft durch diese Öffentlich¬ keit sein. 8 nrixil wirtsdiaH 12/73