DiegroßeAngst In letzter Zeit wurde die Schweiz verschiedentlich als leuchtendes Bei¬ spiel dafür bezeichnet, daß es mög¬ lich sei, die Inflationsrate und die Ar¬ beitslosigkeit gleichzeitig niedrig zu halten. Nähere Betrachtung ergibt je¬ doch ein anderes Bild. Innerhalb von sechs Jahren — von 1970 bis 1976 — ist die Zahl der unselbständig Be¬ schäftigten in der Schweiz um ein Zehntel gesunken, während sie im selben Zeitraum in Österreich um mehr als 12% gestiegen ist. Hatte noch vor fünf Jahren die Schweiz um rund 200.000 Beschäftigte mehr als Österreich, so ist es heute umgekehrt. Die Schweizer haben einfach mehr als 300.000 Gastarbeiter nach Hause ge¬ schickt, andernfalls hätten sie — das sagen Schweizer — an die 7% Arbeits¬ lose. Die nach Hause geschickten Gastarbeiter tragen natürlich dazu bei, die ohnehin mißliche wirtschaftliche Lage Italiens weiter zu verschlechtern. Die wirtschaftliche Entwicklung ist aber nicht nur in Italien ungünstig. So zeichnet auch ein Bericht der Euro¬ päischen Kommission ein ziemlich dü¬ steres Bild. Danach ist in Westeuropa bis 1980 und möglicherweise darüber hinaus mit zunehmender Arbeitslosig¬ keit und mit nur bescheidenem Wirt¬ schaftswachstum zu rechnen. In den neun Ländern der Europäischen Ge¬ meinschaft stieg heuer von Mai bis August — also in einem Zeitraum, in dem üblicherweise die Beschäfti¬ gung zunimmt — die Zahl der Arbeits¬ losen um 440.000 auf 5,8 Millionen. In einer Erklärung zu dem Bericht heißt es warnend: »Die Frage ist, ob unsere Gesellschaft eine so große Zahl von Arbeitslosen ertragen kann, ohne an Glaubwürdigkeit und Würde zu ver¬ lieren.« Allen Anzeichen nach gehen auch für Österreich die Zeiten der Beschäf¬ tigungsrekorde zu Ende. So sagt das Institut für Höhere Studien voraus, daß die Zahl der unselbständig Be¬ schäftigten im nächsten Jahr nur noch um 0,3% steigen werde. Für 1979 wird ein Rückgang von 0,5% und für 1980 Stagnation des Arbeitsmarktes angenommen. Demgegenüber steht ein stetig wachsendes Arbeitskräfte¬ angebot. Österreich wird also bis 1985 rund 300.000 neue Arbeitsplätze brau¬ chen. Das Institut für Höhere Studien (IHS) sagt nun schon für 1978 eine Arbeits¬ losenrate von 2,5% voraus und rech¬ net mit 4% für 1979 sowie 5% für 1980. Der Direktor des Instituts, Dr. Gerhard Schwödiauer, meinte da¬ zu: »Es wäre ein schöner Erfolg der Wirtschaftspolitik, wenn es gelänge, die Arbeitslosenrate 1978/80 auf 3% oder darunter zu halten.« (Nach dem britischen Sozial- und Wirtschaftspoli¬ tiker Beveridge, der 1944 »Vollbeschäf¬ tigung in einer freien Gesellschaft« schrieb, ist Vollbeschäftigung erreicht, wenn höchstens 3% der abhängigen Erwerbspersonen arbeitslos sind.) Die Wirtschaft muß sich nun nicht unbedingt so entwickeln, wie es die Wirtschaftsforscher voraussagen. Das ist ja — ähnlich wie bei der Wetter¬ vorhersage — schon oft genug der Fall gewesen. Ein wesentlicher Unter¬ schied ist aber doch zwischen Wetter¬ vorhersage und Wirtschaftsvoraus¬ schau. Während es den Menschen nur in äußerst geringem Maße möglich ist, das Wetter zu beeinflussen, sollten sie doch imstande sein, die wirtschaft¬ liche Entwicklung entsprechend zu steuern. Wirtschaftsforschungsinstitut (Pro¬ fessor Hans Seidel) wie Institut für Höhere Studien sagen ja nicht »Das muß so sein«, sondern »Das kann so sein«. Es wird jedoch höchstwahr¬ scheinlich so kommen, wie die Wirt¬ schaftsforscher voraussagen, falls man den Dingen freien Lauf ließe, wie es vor einem halben Jahrhundert ge¬ schah. Genügend Österreicher kön¬ nen sich noch an die Dauerkrise der Wirtschaft in den zwanziger und drei¬ ßiger Jahren erinnern, an die Massen¬ arbeitslosigkeit, an den zermürbenden Kampf Zehntausender Familien ums tägliche Brot. Sie haben es auch er¬ lebt, wie wirtschaftliche Schwierigkei¬ ten politische Wirrnisse nach sich zo¬ gen, was runde zwei Jahrzehnte lang Faschismus, Krieg und vierfache mili¬ tärische Besetzung bedeuteten. Wenn es in den zwei folgenden Jahrzehnten auch den Österreichern wirtschaftlich besser gegangen ist, spielte dabei sicherlich auch das beharrliche Eintreten von Gewerk¬ schaftsbund und Arbeiterkammern für die Vollbeschäftigung eine Rolle. Die Vollbeschäftigung, die jetzt schon ein¬ einhalb Jahrzehnte währt, ist die Grundlage dafür gewesen, daß der Österreicher zu einem, wenn auch be¬ scheidenen, Wohlstand gekommen ist. Begreiflicherweise haben viele Men¬ schen Angst, ja große Angst, dieses bißchen Wohlstand wieder zu verlie¬ ren. Dafür sind sie auch zu gewissen Opfern bereit, wenn es erstens sein muß und zweitens diese Opfer halb¬ wegs gerecht verteilt sind. Be¬ geisterung löste das sogenannte Ma߬ nahmenpaket der Regierung freilich nicht aus, denn schließlich sind ja alle Bevölkerungsschichten betroffen, sei es durch den für rund drei Dutzend Güter erhöhten Mehrwertsteuersatz, sei es durch höhere Sozialversiche¬ rungsbeiträge, sei es durch strenge Sparmaßnahmen. Bei allem Murren sollte man aber das Kind nicht mit dem Bade aus¬ schütten, wie es etwa das Blatt der niederösterreichischen Handelskam¬ mer tat, das zuerst erklärte, das Paket der Bundesregierung kennzeichne »die schlagartige Verschlechterung der Wirtschaftslage in Österreich«, um dann eine Woche darauf zu behaup¬ ten »Große Opfer, aber keine Sanie¬ rung«. Jetzt werde, so heißt es im Handelskammerblatt, die Rechnung präsentiert: »Nach Jahren und Jahr¬ zehnten der Gefälligkeitsdemokratie, der Sorglosigkeit, des hemmungslo¬ sen Geldhinauswerfens der öffent¬ lichen Hand, der falschen Wirtschafts¬ politik und der Verletzung wirtschaft¬ licher Grundregeln kommt jetzt das große Zahlen! Das Traurigste: Weder das Budget wird saniert werden, noch wird ein Beitrag zur Sicherung der Zukunft geleistet.« Der Widerspruch der ersten und der zweiten Aussage ist offenkundig. Wenn sich die Wirtschaftslage schlag¬ artig verschlechterte, dann muß sie ja zuerst gut gewesen sein, dann kann aber auch die Wirtschaftspolitik nicht so falsch gewesen sein! Gewerkschafter betrachten das Maßnahmenpaket der Regierung nicht ganz so aufgeregt, sondern sehen neben den Sparmaßnahmen auch die Bereitschaftsmaßnahmen, mit denen unter anderem der Jugendarbeits¬ losigkeit vorgebeugt, die Exportfinan¬ zierung gesichert und der Fremden¬ verkehr in benachteiligten Gebieten gefördert werden soll. Man sollte auch diese Bereitschaftsmaßnahmen, zu denen ein Konjunkturausgleichs¬ budget für das Haushaltsjahr 1978, Gewerbeförderung, der Ausbau hei¬ mischer Energiequellen, die Inangriff¬ nahme der Spitalssanierung gehören soll, nicht von vornherein als wenig zielführend betrachten, wie es über¬ eifrige Kritiker schon getan haben. Gewerkschafter, für die die Siche¬ rung von Arbeitsplätzen Vorrang hat, wissen, daß man die Wirtschaft nicht ununterbrochen ankurbeln kann, daß dies aber nach einer zum Kräfteholen notwendigen Verschnaufpause wie¬ derum geschehen muß. g. d. 2 ariHii Wirtschaft n/77