Worauf deutet der langfristige Trend? Kommen wir auf den langfristigen Trend der Arbeitslosigkeit zurück. Deutet er auf ein sich verschlimmern¬ des Strukturproblem der amerikani¬ schen Wirtschaft? Ist er mit schwer - wenn überhaupt - zu bewältigenden technologischen Entwicklungen ver¬ bunden? Namhafte Wirtschaftsexper¬ ten haben das immer wieder abgestrit¬ ten. Die beiden wichtigsten Gründe für dieses Abstreiten sollen kurz betrach¬ tet werden. Erstens, so die Beweisführung der Fachleute, lassen die Arbeitslosenzah¬ len für einzelne Berufs- und Indu¬ striegruppen keinen Schluß über eine tendenzielle Zunahme strukturbeding¬ ter Stellenverluste zu. Sie leugnen natürlich nicht ab, daß solche Stellen¬ verluste ein dauerndes Element der Arbeitslosigkeit sind — nur daß es im Verhältnis unverändert bleibt. Struk¬ turbedingte Stellenverluste werden durch neue Arbeitsplätze in »struk¬ turgerechten«, expandierenden Indu¬ strien aufgewogen und überwogen. Die Globalstatistik der Beschäfti¬ gung bekräftigt diese Ansicht. Die An¬ zahl amerikanischer Erwerbstätiger ist während der Nachkriegsjahre um fast drei Fünftel gestiegen (sie betrug 90,5 Millionen 1977). Der Anstieg wur¬ de zwar während fünf Rezessionsjah¬ ren unterbrochen, überflügelte lang¬ fristig aber trotzdem den in vergleich¬ baren Altersgruppen stehenden Bevöl¬ kerungszuwachs. Er wurde von tiefen Veränderungen in der Berufs- und Industriebeschäftigungsstruktur ge¬ kennzeichnet. So zum Beispiel fiel der Anteil der gewerblichen Industrie an den Arbeits¬ plätzen von 33% in 1950 auf 24% in 1977; der der dienstleistenden Indu¬ strien, eingeschlossen der öffentliche Dienst, stieg dagegen von 25 auf 37%. In allen Industrien wuchs der Anteil der Angestellten auf Kosten der Arbeiterschaft - von 18 auf 28% in den gewerblichen Industrien, von 11 auf 21% beim Baugewerbe und von 7 auf 12% beim Groß- und Einzel¬ handel. 1976 war die Hälfte aller amerika¬ nischen Arbeitsplätze von Angesteil- Redaktionsschluß für das Septem¬ berheft ist der 3. August, für das Oktoberheft der 24. August und für das Novemberheft der 22. Septem¬ ber 1978. 14 nrtxil wirtsduill 7/8/78 ten besetzt, verglichen mit 38% im Jahr 1950. Die größte Ausdehnung erfuhren die wissenschaftlich-tech¬ nischen Berufe und die verantwort¬ licheren Bürostellen sowie die unte¬ ren Stufen von Büro- und Verwaltungs¬ stellen. Der Anteil angelernter Arbei¬ ter an den Arbeitsplätzen ging dage¬ gen scharf zurück (von 20 auf 12%); bei der Arbeiterschaft im Ganzen wuchs bloß der Anteil dienstleistender Arbeitsplätze, und das war auf die zunehmende Bedeutung des Gesund¬ heitswesens zurückzuführen. Der Verlust an Arbeitsplätzen für angelernte und auch ungelernte Ar¬ beiter, zusammen mit der steilen Sen¬ kung der landwirtschaftlichen Er¬ werbstätigkeit — hier fiel der Anteil von 13% in 1950 auf 3% in 1976 —, liegt zweifellos an der Wurzel des Problems der hohen Arbeitslosigkeit. Wenn jener Verlust auch nicht mit Arbeitslosigkeit gleichbedeutend ist, so weist er doch auf Freisetzung vie¬ ler Männer, Frauen und Jugendlicher, deren Anstellung durch technologi¬ sche Entwicklungen, Standortver¬ schiebungen, Mangel an Ausbildung und oft auch persönliche Anpas¬ sungsschwierigkeiten behindert wird. So eindrucksvoll die Beschäftigungs¬ ausweitung der Nachkriegsjahre war, ihr gegenüber steht die noch schnel¬ lere Erhöhung der Arbeitslosigkeit: diese verdreifachte sich fast zwischen 1947 bis 1949 und 1975 bis 1977 (von durchschnittlich 2,7 Millionen auf 7,3 Millionen Personen). Das Anwach¬ sen einer dauernden und großteils strukturellen Arbeitslosigkeit ist also nicht leicht abzustreiten. Aber es besteht ein zweiter wich¬ tiger Grund, aus dem die Experten über eine wachsende Bedeutung der strukturellen Arbeitslosigkeit streiten. Sie führen nämlich an, daß die langfri- stiae Zuwachsrate der Arbeitsproduk¬ tivität des Privatbereiches (für den öffentlichen Bereich werden solche Raten nicht berechnet) keine Be¬ schleunigung, im Gegenteil, seit 1965 eine Verlangsamung aufweise. Zwi¬ schen 1947 und 1965 betrug die Zu¬ wachsrate 3,2% pro Jahr; zwischen 1965 und 1976 1,7%. Also muß sich die technologische Entwicklung ver¬ langsamt und als Quelle der Arbeits¬ platzverdrängung vermindert haben. Das heißt, in der erstgenannten Nach¬ kriegsperiode war die rapide techno¬ logische Entwicklung zwar ein Faktor der Arbeitsplatzverdrängung, sie wur¬ de aber großteils vom hohen Zuwachs des Produktionsvolumens und somit der Neuschaffung von Arbeitsplätzen ausgeglichen. In der letztgenannten Periode wird die Verlangsamung des Zuwachses am Produktionsvolumen und an den Arbeitsplätzen zur Ur¬ sache der Arbeitslosigkeit und kann überdies die Auswirkung der techno¬ logischen Entwicklung auf die Ar¬ beitsplätze nicht wettmachen. Das ist eine sehr vereinfachte, aber sicherlich zutreffende Aussage. Wir können uns hier nicht näher mit ihrer Problematik befassen, auch nicht mit der Frage, inwiefern die Produktivitätszuwachs¬ rate die technologische Entwicklung »mißt«. Im Spätkapitalismus — im Kapitalis¬ mus der Großkonzerne und hoher staatlicher Forschungsausgaben — schreitet die technologische Entwick¬ lung weitgehend unabhängig von den Schwingungen im Produktions¬ volumen fort. Die »technologische« Komponente der Produktivitätszu¬ wachsrate ist also schwer festzustel¬ len, und es bleibt fraglich, ob und inwiefern diese jene mißt. Die Produktivität ist nicht gesunken Der im Vergleich zur früheren Nach¬ kriegsperiode gesenkte Produktivi¬ tätszuwachs der letzten 10 bis 12 Jah¬ re wird manchmal dem angeblichen Mangel an Fleiß und Arbeitssinn der jüngeren Arbeitergeneration zuge¬ schoben, aber dafür lassen sich keine stichhaltigen Beweise erbringen. Öf¬ ters wird vermutlich verlangsamter technologischer Fortschritt als Grund des verlangsamten Produktivitätszu¬ wachses angegeben, aber auch dafür liegen keine eindeutigen Unterlagen vor. Wahrscheinlich beruht der Haupt¬ grund auf unzureichender Auslastung der Industriekapazität, bei gleichzei¬ tiger Vorsicht bei Entlassungen (die¬ se sind kostspielig geworden). Der Einfluß des unzureichenden Produk¬ tionsvolumens auf die technologische Entwicklung wird gewöhnlich über¬ schätzt (das zeigen übrigens Studien der Krisenzeit der dreißiger Jahre). Wir können die Frage nicht weiter be¬ handeln, führen hier aber eine Tabelle auf, die Veränderungen in der Anstel¬ lung mit Veränderungen im Produk¬ tionsvolumen ausgewählter Industrien zwischen 1967 und 1976 vergleicht. Die Tabelle zeigt, daß bei der über¬ wiegenden Anzahl von Industrien die Anstellung zwischen den Stichjahren entweder zurückging, während die Produktion stieg (Gruppe 1); oder daß sie meist langsamer als die Produk¬ tion stieg (Gruppe 2); oder daß sie mehr als diese fiel (Gruppe 3).