Cancun- eineHaimling In Cancun, einem mexikanischen Ba¬ deort, kamen am 21. und 22. Oktober Ver¬ treter von acht Industrieländern und drei¬ zehn Entwicklungsländern zu einem so¬ genannten Nord-Süd-Gipfel zusammen. Mit Nord sind dabei die reichen Länder gemeint, mit Süd die armen. Man könnte auch Länder der Ersten und Länder der Dritten Welt sagen. Worum ging es bei dieser zweitägigen Konferenz, zu der auch rund dreitausend Journalisten angereist waren? Ganz ein¬ fach darum, daß die Reichen den Armen helfen. Das ist natürlich leichter gesagt als getan, haben doch auch die reichen Län¬ der ihre Probleme, zum Beispiel mehr als 25 Millionen Arbeitslose. Umgekehrt kön¬ nen sich die armen Länder auf keinen Fall selber helfen. Also müßte eine Lösung gefunden wer¬ den. Solch eine Lösung hat der österrei¬ chische Bundeskanzler Dr. Bruno Kreisky im Sinn, wenn er von einem neuen Mar¬ shallplan für die Dritte Welt spricht, ganz gleich, ob das nun bei einem der reichsten und mächtigsten Länder der Welt, den Vereinigten Staaten, auf keine besondere Gegenliebe stößt, ganz gleich, ob auch ein österreichischer Vertreter in Cancun für diesen Gedanken nicht viel übrig hat, indem er eine Neuauflage des Marshall¬ plans für irreal hält. Amerikaner hätten ihn nämlich gefragt, ob denn Österreich ein solches Vorhaben finanzieren werde. Freilich nicht, aber es könnte sich zu ei¬ nem großartigen und erfolgreichen Bei¬ spiel der Solidarität der Habenden für die Habenichtse dieser Welt entwickeln. Viel¬ leicht wäre schon damit gedient, geschä¬ he, was einmal Papst Paul VI. vorgeschla¬ gen hat, und zwar: ein Zwanzigstel der Rüstungsausgaben als Hilfe für die Ent¬ wicklungsländer abzuzweigen. Was hat Kreisky vorgeschlagen? In ei¬ ner Botschaft an die Teilnehmer der Nord-Süd-Gipfelkonferenz in Cancun sprach er sich nachdrücklich für ein so¬ fortiges Aktionsprogramm aus, das ähn¬ lich wie der Plan des seinerzeitigen US- Außenministers Marshall beim europäi¬ schen Wiederaufbau vor allem den ärm¬ sten Ländern zugute kommen sollte. Für eine ganze Generation von Dreißig¬ jährigen, ja Vierzigjährigen ist heute der Marshallplan kein fester Begriff mehr, weil man halt in der Schule alles mögliche lernt, aber nur wenige Lehrer auch die jüngste Zeitgeschichte Europas wenig¬ stens ansatzweise streifen. George Catlett Marshall, geboren 1880, gestorben 1959, war General, General¬ stabschef der Vereinigten Staaten, war der einzige General, der-1953-den Frie¬ densnobelpreis erhielt. 2 airlwil wirtsdnifl 12/81 In einem Zeitpunkt, da halb Europa zer¬ stört war, da in vielen Ländern Hunger und Elend herrschten, hat dieser General, der wußte, daß Frieden und die Sicherheit Nachkriegseuropas nicht durch Kanonen, sondern nur mit Brot gesichert werden können, an der Harvard-Universität eine Rede gehalten, in der er seinen Plan vor¬ trug. Diese Rede in Cambridge - einem Teil Bostons - ist es wert, nachgelesen zu werden. Am 5. Juni 1947 sagte Marshall unter anderem: »Die Wahrheit ist es, daß die Bedürf¬ nisse Europas für die nächsten drei oder vier Jahre an ausländischen Nahrungs¬ mitteln und anderen lebenswichtigen Produkten, in der Hauptsache aus Ameri¬ ka, um vieles größer sind als die gegen¬ wärtige Fähigkeit Europas, dafür zu be¬ zahlen. Europa muß deshalb eine wesent¬ liche zusätzliche Hilfe erhalten oder einer wirtschaftlichen, sozialen und politischen Verelendung schwersten Charakters ent¬ gegengehen. Das Hilfsmittel besteht dar¬ in, den gefährlichen Kreislauf zu unter¬ brechen und das Vertrauen der europäi¬ schen Völker in die wirtschaftliche Zu¬ kunft ihrer Länder und Europas als Gan¬ zem wiederherzustellen. Der Fabrikant und der Landwirt muß wieder fähig und willens sein, die Produkte gegen eine Währung auszutauschen, deren Wert nicht ständig in Frage gestellt ist. Auch abgesehen von dem demoralisierenden Effekt auf die Welt als Ganzes und den Möglichkeiten von Unruhen, die aus der Verzweiflung der betreffenden Völker entstehen können, würden die Konse¬ quenzen der geschilderten Entwicklung für die Wirtschaft der Vereinigten Staaten eindeutig sein. Es ist daher logisch, daß die Vereinigten Staaten alles Mögliche tun sollten, um die Wiederkehr normaler, ge¬ sunder wirtschaftlicher Verhältnisse in der Welt herbeizuführen, ohne die eine politische Stabilität und ein gesicherter Frieden nicht bestehen können. Unsere Politik ist nicht gegen irgendein Land oder eine Doktrin, sondern gegen Hunger, Armut, Verzweiflung und Chaos gerichtet. Ihr Zweck soll es sein, die Welt¬ wirtschaft wiederherzustellen, um das Entstehen politischer und sozialer Ver¬ hältnisse zu ermöglichen, unter denen freie Institutionen existieren können. Eine solche Hilfe darf - wie sich die Krise ent¬ wickelt- nach meiner Überzeugung nicht in kleinen Portionen erfolgen. Eine Hilfe, die die Regierung gewähren soll, müßte eine wirkliche Kur und nicht ein Vorbeu¬ gungsmittel darstellen. Jede Regierung, die willens ist, bei der Aufgabe des Wiederaufbaus mitzuwirken, wird, dessen bin ich sicher, seitens der Regierung der Vereinigten Staaten volle Unterstützung erfahren. Eine Regierung, die den Wiederaufbau anderer Länder zu verhindern sucht, kann keine Hilfe von uns erwarten. Regierungen, politische Parteien oder Gruppen, die bestrebt sind, das menschliche Elend zu verewigen, um daraus politisch oder in anderer Weise zu profitieren, werden auf den Widerstand der Vereinigten Staaten stoßen. Es ist klar, daß, bevor die Regierung der Vereinigten Staaten in ihren Bemühun¬ gen, die Situation zu erleichtern und beim europäischen Wiederaufbau zu helfen, weiter fortschreiten kann, eine Vereinba¬ rung zwischen den Völkern Europas ge¬ schlossen werden muß bezüglich der Er¬ fordernisse der Lage und des Anteils, den diese Länder selbst übernehmen wollen, um eine eventuelle Aktion der amerikani¬ schen Regierung wirksam zu gestalten. Es wäre für die amerikanische Regie¬ rung weder passend noch wirksam, ein¬ seitig ein Programm zu entwerfen, das bestimmt, wie Europa wirtschaftlich wie- derauf die Füße gestellt werden kann. Das ist die Aufgabe der Europäer selbst. Die Initiative muß, wie ich glaube, von Europa ausgehen. Die Rolle dieses Landes sollte in einer freundschaftlichen Hilfe beim Entwurf ei¬ nes Europaprogramms bestehen und in der späteren Unterstützung eines solchen Programms, soweit dies für uns ange¬ messen zu sein scheint. Das Programm soll ein gemeinschaftliches sein, verein¬ bart, wenn schon nicht von allen, so von einer Anzahl europäischer Nationen.« Die Ausstrahlung dieser Rede war ge¬ waltig. Auch Ostblockländer hätten bei dieser Sache gern mitgetan, unterließen es aber auf sanften Druck ihrer Schutz¬ macht. Die Tschechoslowakei hatte sogar schon die Einladung zur vorbereitenden Pariser Konferenz angenommen, nahm sie aber einige Tage später wieder zurück. Für Österreich, das aus dem Marshall¬ plan um rund eine Milliarde Dollar - da¬ mals eine gewaltige Menge Geld! - für den Wirtschaftswiederaufbau wichtige Güter erhielt, war diese Hilfe von un¬ schätzbarem Wert. Und wenn es heißt, daß Böses fortzeugend Böses gebiert, dann gilt das mit umgekehrten Vorzei¬ chen für diese Hilfe, denn die Gegen¬ wertmittel wurden ja gesammelt und als zinsgünstige Darlehen weitervermittelt. Warum könnte das nicht auch heute gelten? So gesehen, sollte das Treffen von Cancun eine Mahnung sein, auch in dem Sinn der alten Parole des Internatio¬ nalen Bundes Freier Gewerkschaften: Brot-Frieden-Freiheit! Gottfried Duval