In diesem aktuellen A&W-Gespräch werden eine Reihe von Fragen an¬ geschnitten, die jeden Gewerkschafter und be¬ sonders die Vertrauens¬ personen berühren (soll¬ ten), denen die Gewerk¬ schaftsbewegung mehr als der kalte, sture, see¬ lenlose »Apparat« ist, als der sie mitunter von Kritikern hingestellt wird. Das Gespräch spannt ei¬ nen großen Bogen von der Zeit der Aufbaujahre, in der die Gewerkschaft ganz einfach gezwungen war, sich buchstäblich um alles zu kümmern, bis zur Gegenwart, in der sich eine jüngere Generation, für die das alles in unend¬ lich weiter Entfernung liegt, in einer gänzlich an¬ ders aussehenden Welt zurechtfinden soll. Die Aufgaben, die heute die österreichische Ge¬ werkschaftsbewegung zu bewältigen hat, sind auch ganz andere, aber bewäl¬ tigt werden können sie nur, wenn die Gewerk¬ schafter heute genauso realistisch vorgehen, wie es ihre Kolleginnen und Kollegen vor vier Jahr¬ zehnten getan haben. Der Gewerkschafter darf - sagt Präsident Benya in diesem Gespräch - keine großen Versprechungen machen, darf aber die Leute auch nicht mutlos machen. Er muß es im Ge¬ fühl haben, was er dem Mitglied sagen kann. Er braucht ja weder verzwei¬ felte Mitglieder noch Mit¬ glieder, die fragen, was die Welt kostet. Gewerkschaftsbund: Politik für alle machen »Arbeit & Wirtschaft«: In dieser raschlebigen Zeit haben viele Leute längst vergessen, daß es das, was in letzter Zeit an öffentlichen Angriffen auf den ÖGB-Präsidenten zuge¬ kommen ist, alles schon - und in weit ärgerer Form - vor zwei Jahrzehnten gegeben hat, als wegen eines Radau¬ bruders und Provokateurs gegen An¬ ton Benya eine regelrechte Diffamie¬ rungskampagne geführt wurde. Kollege Benya, du hast das damals verhältnismäßig gelassen hinge¬ nommen und glänzend überstanden, auch jetzt bist du sehr zurückhaltend. Bei manchen heutigen Äußerun¬ gen scheint es aber, als ob zwar nur der ÖGB-Präsident angesprochen sei, die Stoßrichtung aber auf den ÖGB oder zumindest auf die gesamte ÖGB-Führung zielt. Anton Benya: Wenn man die Per¬ son, die eine große Organisation ver¬ tritt und dadurch auch Gewicht bei Aussagen in der Öffentlichkeit hat, in den Hintergrund schieben, sie ein wenig herabsetzen will, ist da und dort sicher die Absicht damit verbun¬ den, daß das Gewicht des Gewerk¬ schaftsbundes durch seinen Spre¬ cher nicht zu sehr zum Ausdruck kommt. Dennoch erkennen weite Kreise der Bevölkerung sehr wohl, daß die österreichische Gewerk¬ schaftsbewegung eine Politik betrie¬ ben hat und betreibt, die im Interesse des ganzen Landes liegt. Wer meint, es sei ja nicht eine Auf¬ gabe für die gesamte Bevölkerung, der irrt. Man kann nicht Politik für ei¬ nen Kreis, sondern muß Politik für alle Menschen machen. »Arbeit & Wirtschaft«: Was steht da im Vordergrund? Anton Benya: Wir müssen dafür sorgen, daß möglichst viele Men¬ schen in Beschäftigung stehen, in In¬ dustrie, Handel und Gewerbe und in der Landwirtschaft. Wir müssen dafür sorgen, daß die Menschen, die in Be¬ schäftigung sind, auch verdienen, damit sie eine entsprechende Kauf¬ kraft haben. Die Arbeitnehmer bezie¬ hen Agrarprodukte, die Landwirt¬ schaft kauft Konsumgüter. Beide müssen zum Kauf der Ware entspre¬ chende Einkommen haben. Daher kann man nur eine Politik für alle ma¬ chen. Das hat sich in Österreich be¬ währt. Offene Worte »Arbeit & Wirtschaft«: Auslösen¬ des Moment für verschiedene Aussa¬ gen anderer war eine Bemerkung des Abgeordneten Robert Graf, eines der gescheitesten Leute auf der anderen Seite der Sozialpartnerschaft. Eine gewollte Beleidigung kann man aus¬ schließen, das hat er ja bei einer Fernseh-Pressestunde ausdrücklich erwähnt. Man muß aber dazufügen, daß Robert Graf auch gegenüber Leuten seiner eigenen Partei nicht zimperlich ist. So hat er gesagt, die Idee, das Aluminiumwerk Ranshofen zuzusperren, halte er für absurd, und die Behauptung, man müsse von Vollbeschäftigung und Wirtschafts¬ wachstum Abschied nehmen, sei un¬ erträglich. Anton Benya: Mit dem Präsidenten Robert Graf hatte ich immer ein sehr gutes Verhältnis und habe es auch heute, das ist keine Frage. Er ist ein hervorragender Formulierer, und das geistreiche Spiel mit Worten liegt ihm ganz besonders. Wenn er ein Wort¬ spiel fand (der Präsident des ÖGB sei im ÖGB »eingeschränkt«, Anmer¬ kung), konnte das natürlich einer Herabsetzung schon sehr nahekom¬ men, blieb aber eben ein Wortspiel. Ansonsten ist Robert Graf ein Mann der Wirtschaft, der sehr wohl weiß, daß Österreich sich nur weiterent¬ wickeln kann, wenn wir produzieren, wenn wir ein entsprechendes Wirt¬ schaftswachstum haben, wenn wir Produkte erzeugen, die im Ausland gekauft werden, wenn wir im Frem¬ denverkehr durch ein entsprechen¬ des Serviceangebot Gäste nach Österreich bringen. Da sind wir auf der gleichen Linie. Die Bedeutung der Energie »Arbeit & Wirtschaft«: Ein Dauer¬ brenner der letzten Zeit ist die Ener¬ giefrage. Nun haben seit 1948 - das kann man nachlesen - alle zehn Kon¬ gresse des Gewerkschaftsbundes die Bedeutung der Energie und der Um¬ weltfragen hervorgehoben, und der 10. Kongreß - 1983 - nahm doch ei¬ gentlich vieles von dem vorweg, was von sogenannter grüner Seite ver¬ langt wird: So forderte der 10. ÖGB- Bundeskongreß, daß veraltete kalori¬ sche Kraftwerke erneuert bezie¬ hungsweise Altanlagen durch Einbau von Kraft-Wärme-Kupplungen und Entschwefelungsanlagen nach dem 1/85 arbeit Wirtschaft n