Sammlungen gehabt oder Delegatio¬ nen empfangen, weil ein Teil immer gemeint hat, jedes Preis- und Lohn¬ abkommen trage zur Verschlechte¬ rung der Lebenshaltung bei. Es war nicht sehr leicht, es war ja nicht nur die subjektive Meinung gegeben, es war außerdem noch politisch in diese Richtung Propaganda gemacht wor¬ den, das war dann vorbei. Später wurde dann auf der Ebene der Wirt¬ schafts- und Sozialpartnerschaft ein Instrument geschaffen, die Paritäti¬ sche Kommission. Ich gebe zu, daß wir später auf der Betriebsebene oder auf der überbetrieblichen nicht mehr so stark gewesen sind, als wir es vor¬ her im Gespräch waren. Vielleicht hat da und dort Bequemlichkeit einge¬ setzt, war der direkte Kontakt nicht mehr so stark, es wurde viel mehr kor¬ respondiert, viel mehr zu Papier ge¬ bracht, mit Rundschreiben, mit Arti¬ keln ist man an die Menschen heran¬ gegangen. »Arbeit & Wirtschaft«: In der Folge ist aber auch die Gewerkschafts¬ presse entsprechend ausgebaut worden. Anton Benya: Das wäre in den An¬ fangsjahren gar nicht möglich gewe¬ sen, wir hatten nicht einmal genü¬ gend Papier, wir mußten mit den Leu¬ ten in den Versammlungen reden. Was wir auch heute brauchen, ist aber doch immer wieder die Ausspra¬ che mit den Menschen. Das merken sie auch. In einem Betrieb, wo sich der Betriebsrat ständig mit seinen Kollegen zusammensetzt, mit ihnen diskutiert, haben wir ein gutes Klima. Dort, wo ein Kollege etwas weniger den direkten Kontakt sucht, weil er mit anderen Problemen sehr be¬ schäftigt ist, wird die Bindung schwächer. Letztlich entsteht natür¬ lich dort, wo der zuständige Gewerk¬ schaftsfunktionär oder Sekretär in zu langen Intervallen in den Betrieb kommt, um zu sagen, wie die Dinge stehen, auch das Gefühl, wozu haben wir diese Organisation? Wir müssen Kontakt nehmen, Kon¬ takt in den kleinsten Betrieben, in der Zahlstelle, in der Ortsgruppe, im Be¬ zirksausschuß. Verändertes Gewerkschaftsbild »Arbeit & Wirtschaft«: Spürt man nicht, daß in der Bevölkerung, ob das jetzt von selbst entstanden ist oder 14 arbeit Wirtschaft 1/85 von gewissen Seiten fleißig gefördert wurde, die Gewerkschaft nicht mehr diesen Stellenwert hat, den sie, sagen wir in den vierziger oder fünfziger Jahren, gehabt hat? Anton Benya: Freilich war das eine Zeit, in der wir viele Dinge forderten, in der unser Programm für jeden ein¬ zelnen etwas enthalten hat. Nun, die Lohn- und Gehaltsfragen sind immer gleichgeblieben, aber wenn wir sei¬ nerzeit angetreten sind, den Urlaub von zwei auf drei und dann auf vier Wochen zu erhöhen, wenn wir ange¬ treten sind, um die Arbeitszeit von 48 auf 45 dann von 45 auf 43, auf 42 und auf 40 herabzusetzen, dann waren das Dinge, die der einzelne gespürt hat, für die er eingetreten ist. Ebenso wenn wir etwa um verschiedene Ein¬ richtungen für die Familie gerungen haben, Geburtenbeihilfe, Heiratsbei¬ hilfe, Karenzurlaubsgeld, Familien¬ geld, Familiengelderhöhung. Auch wenn es um die Pensionen ging, um Pensionserhöhungen, um die Pen¬ sionsdynamik, um die Pensionsau¬ tomatik. Da wurde von Fall zu Fall verhandelt und dann etwas gebracht. Das war direkt. Heute sind viele dieser Dinge Gesetze geworden, der Bürger hat ein Recht darauf, begonnen hat es aber mit den Gewerkschaften. In¬ zwischen sind Generationen heran¬ gewachsen, die die Entwicklung nicht mehr kennen. Die haben ver¬ ständlicherweise das Gefühl, ja, das haben wir alles, aber was kommt jetzt noch? Das muß man entsprechend erklären. »Arbeit & Wirtschaft«: Auch wirt¬ schaftlich. Anton Benya: Heute haben wir die große Aufgabe, den Menschen zu sa¬ gen, all das können wir nur halten, wenn wir möglichst viele Menschen in Beschäftigung haben. In einer Zeit, wo in ganz Europa, in der ganzen Welt aufgrund der Kriegszerstörun¬ gen ein gewaltiger Nachholbedarf gewesen ist, wurde alles gebraucht, aber nun ist auf verschiedenen Ge¬ bieten eine gewisse Sättigung einge¬ treten. Es geht natürlich weiter, aber nicht mehr so rasant wie vordem. Arbeitszeit¬ verkürzung »Arbeit & Wirtschaft«: Bei der For¬ derung, auch in einer schwierigen Zeit möglichst viele Menschen in Be¬ schäftigung zu haben, kommt unwei¬ gerlich die Frage der Arbeitszeitver¬ kürzung ins Blickfeld. Anton Benya: Die allgemeine Her¬ absetzung der wöchentlichen Ar¬ beitszeit und die allgemeinen Ur¬ laubsverlängerungen waren Verkür¬ zungen der Jahresarbeitszeit. Wenn der 10. ÖGB-Bundeskongreß be¬ schlossen hat, branchenweise oder betriebsweise Arbeitszeitverkürzun¬ gen durchzuführen, wird auch das die 35-Stunden-Woche bringen, aber nicht nur national, denn das wäre eine zu starke Kostenbelastung, die wir als exportorientiertes Land nicht vertragen könnten. »Arbeit & Wirtschaft«: Einerseits haben wir die mehr oder minder vehement vorgetragene Forderung nach Arbeitszeitverkürzung in Rich¬ tung 35-Stunden-Woche-wobei sich Unterschiede ja nur in der Frage der Vorgangsweise oder des Tempos er¬ geben -, anderseits sehen wir, daß die meisten Politiker und natürlich auch viele Gewerkschaftsfunktionäre ihre Tätigkeit so ernst nehmen, daß sie eine weit über die Norm hinaus¬ gehende Arbeitszeit haben. Anton Benya: Der Politiker hat - wie die meisten anderen auch-seine fixe Arbeitszeit tagsüber. Als Manda¬ tar muß er sich aber auch in seinem Wahlkreis bewegen, er muß ja mit den Leuten reden, und das kann er nuram Abend. Er soll ja auch sein politisches Verständnis und Wissen weiterge¬ ben, denn das gehört zum politischen Leben. »Arbeit & Wirtschaft«: Das gilt auch für Gewerkschaftsfunktionäre. Anton Benya: Natürlich. Der Ge¬ werkschafter hat die Möglichkeit zu persönlichen Begegnungen meist auch nur am Abend, nach Betriebs¬ schluß. Er kann in Betriebsversamm¬ lungen sein, aber günstig ist es, wenn er sich auch nachher noch mit den Menschen beschäftigt. Gewerk¬ schaftskonferenzen sind dann oft an Samstagen, weil da Kollegen von ver¬ schiedenen Gebieten kommen kön¬ nen. Für die meisten gilt das nur in längeren Abständen, für die Funktio¬ näre gilt das für viele Wochenenden. Das ergibt dann eben die längere Ar¬ beitszeit. Aber das gehört mit dazu, der Politiker, der Gewerkschafter muß hinaus, er muß mit den Leuten reden, und das dann, wenn die Leute auch bereit sind, zur Stelle zu sein.