Verdrossenheit trotz guter Entwicklung? »Arbeit & Wirtschaft«: Die Lage der österreichischen Wirtschaft, für die Gewerkschaften ein ausschlag¬ gebender Faktor, ist im allgemeinen recht gut, man könnte sagen weit besser als in manchem anderen Land. Woher kommt dann eine ge¬ wisse allgemeine Verdrossenheit? Wirkt sich vielleicht die Parteipolitik, wie gerade im Wahlkampf der letzten Wochen, auch auf die Gewerkschaf¬ ten aus? Anton Benya: Sicher spielen politi¬ sche Auseinandersetzungen eine große Rolle, denn wenn die Opposi¬ tion versucht, die Regierungspolitik und damit die gegnerischen Parteien in Mißkredit zu bringen, dann mußsie einen Weg suchen, von dem sie meint, daß er in der Öffentlichkeit eine große Wirkung hat. Objektiv gesehen, kann man aber an der Gesamtlage der österreichi- 7 sehen Bevölkerung wenig Kritik üben, weil es in den letzten Jahren ge¬ lungen ist, trotz weltweiter Schwie¬ rigkeiten, in Österreich eine Wirt¬ schaftsentwicklung mit relativ hoher Beschäftigung und einer für westeu¬ ropäische Verhältnisse niedrigen Ar¬ beitslosenrate zu haben. Das ist schon sehr wertvoll. Wenn nun noch heuer die Inflationsrate zwischen 2 und 2,5% liegen wird, dann ist das mehr als eine Halbierung der Jahres¬ rate 1984. Auch wenn unsere Lohn¬ politik den wirtschaftlichen Möglich¬ keiten angepaßt und nicht überzogen ist, ist doch in den letzten Jahren durch das Absinken der Inflationsrate auch eine Reallohnsteigerung her¬ ausgekommen. Wird aber erklärt, al¬ les ist schlecht, na dann bekommt der einzelne das Gefühl, eigentlich könnte doch alles viel besser sein. Was die letzte Zeit betrifft, kommt natürlich dazu, daß wir im Bereich der verstaatlichten Unternehmungen Schwierigkeiten haben, speziell im Eisen- und Stahlsektor. Das ist zwar international schon seit Jahren der Fall, aber Österreich wurde von die¬ ser Entwicklung längere Zeit nicht eingeholt. Ein Jahrzehnt, bis 1981,. hatten wir Vollbeschäftigung, und erst in den letzten Jahren ist leider auch in Österreich die Arbeitslosen¬ rate gestiegen. Auch in der Zweiten Republik mußten Krisen bewältigt werden »Arbeit & Wirtschaft«: Jetzt ist eine Generation herangewachsen, die das Heldenzeitalter der Zweiten Republik, wenn man so sagen darf, die Jahre der Aufbauphase nur vom Hörensa¬ gen kennt. Wenn es in der Mitte der fünfziger Jahre mehrere Beschäfti¬ gungskrisen gab, so war damals von Vollbeschäftigung keine Rede. Aber das Ziel der Gewerkschaften war im¬ mer, die Wirtschaftspolitik dorthin zu bringen, nach möglichst hoher Be¬ schäftigung zu trachten, was dann auch in die Vollbeschäftigung ge¬ mündet hat, mit einer Arbeitslosen¬ rate zwischen 1,5 und 2,5%, die weit unter der internationalen Marke der Vollbeschäftigung lag. Ist aber die rauhe Wirklichkeit von heute, die ja auch eines Tages Österreich errei¬ chen hat müssen, so arg, daß dieses beständige Ziel der Gewerkschaften in so eine weite Ferne gerückt ist? Wir sprechen gar nicht mehr von Vollbe¬ schäftigung, sondern nur noch von möglichst hoher Beschäftigung. Anton Benya: Sicher streben die Gewerkschaften international und auch hier die Vollbeschäftigung an, von der man bei einer Arbeitslosen¬ rate von 3% und darunter sprechen kann. Nach dem, was sich weltweit abzeichnet, dürfte dies aber schwer erreichbar sein. Wahrscheinlich wird die Arbeitslosigkeit auf längere Zeit höher sein. Man darf auch nicht vergessen, daß erstens einmal mehr Frauen in den Arbeitsprozeß eingeströmt sind, weil es natürlich auch für die Familie an¬ genehmer ist, daß das Familienein¬ kommen vermehrt wird. Die Wirt¬ schaft hat's auch benötigt, da waren Arbeitskräfte interessant, wir haben daher auch über 260.000 Gastarbeiter hereingenommen. Als mehr Österrei¬ cher in den Arbeitsprozeß hineinge¬ wachsen sind, ist die Gastarbeiter¬ quote abgesunken, an die 100.000 wurden durch heimische Arbeits¬ kräfte ersetzt. Zurückblickend möchte ich auch sagen, daß in der Aufbauphase für das Land selbst mehr zu leisten war. Es mußten die Kriegsschäden besei¬ tigt werden, es wurden Großbauten errichtet, es wurde in der E-Wirt- schaft versucht, für die Zukunft ent¬ sprechend Vorsorge zu treffen. Fer¬ ner wurden, als der Verkehr auf der Straße zunahm, Straßen verbreitert, Autobahnen angelegt. Das war die Phase der notwendigen Anpassung an eine moderne Welt. Jetzt ist nicht mehr das gleiche Tempo möglich. Es wäre genug zu tun »Arbeit & Wirtschaft«: Ist in dieser Aussage nicht eine gewisse Resigna¬ tion zu erkennen, oder gäbe es nicht, so wie die Bauarbeiter vor kurzem erst gesagt haben, auch für die Bau¬ wirtschaft noch genug zu tun? Anton Benya: Sicher gäbe es ge¬ nug zu tun. Das gehört vielleicht ganz vorne hin! Nur ist die Frage, wenn die öffentliche Hand Investi¬ tionen tätigen will, in erster Linie Kraftwerksbau, Straßenbau, Woh¬ nungsbau, zumindest sozialen Wohnungsbau, da müssen ja auch öffentliche Mittel eingesetzt werden. Wie kommt der Staat, wie kommen die Gemeinden zu diesen Mitteln? Österreich muß Waren exportieren, damit Geld hereinkommt, denn für uns allein zu erzeugen, da ist die In¬ dustrie zu groß. Das heißt, Österreich ist ein exportorientiertes Land. Wir müssen Waren produzieren und ver¬ kaufen, und wir müssen durch gute Serviceleistungen den Fremdenver¬ kehr ausbauen, damit Gäste nach Österreich kommen. Eine hohe Beschäftigung bringt auch entsprechende Steuereinnah¬ men, also so dreht sich das. Hohe Be¬ schäftigung, starke Exporte, guter Fremdenverkehr bringen auch Mittel, mit denen die öffentliche Hand die Arbeitsplätze schaffen kann, mit de¬ nen die Infrastruktur verbessert wird. s/se Jirtidt Wirtschaft 11