Können die Gewerkschaften die Erwartungen der Mitglieder erfüllen? »Arbeit & Wirtschaft«: Das heißt aber, daß im allgemeinen die öster¬ reichischen Gewerkschaften die Er¬ wartungen der Mitglieder nach im¬ mer mehr nicht erfüllen können. Viel¬ leicht entsteht daraus der Vorwurf, der ÖGB sei einesteils mächtig, mi¬ sche sich überall ein, kümmere sich aber anderseits zuwenig um die In¬ teressen der arbeitenden Menschen, mache der Regierung die Mauer bei gewissen Maßnahmen, die gesetzt werden müssen. Dann hört man wie¬ der, das Bild des ÖGB habe sich ge¬ wandelt. Die Ansicht, daß er bürokra¬ tisch sei, habe sich bei Umfragen von 1975 bis 1985 verstärkt, die Meinung, daß er schlagkräftig sei, habe sich geschwächt. Das stand in Publikatio¬ nen, die nicht sehr verbreitet sind, wurde aber von einem Massenblatt mit dem Titel »Deutliche Kratzer am Bild des Gewerkschaftsbundes« auf¬ gegriffen. Das ist doch auch eine ge¬ wisse Gefahr. Anton Benya: In der Aufbauphase gab es natürlich sichtbare Erfolge in kürzeren Abständen, etwa was den Aufbau eines guten Netzes der So¬ zialversicherung betrifft. Aufgrund der Erfahrungen in der Ersten Repu¬ blik war es eine unserer wichtigsten Aufgaben, die arbeitenden Menschen vor Notfällen des Lebens zu schützen, durch Sozialgesetze zur Kranken¬ versicherung, Arbeitslosenversiche¬ rung, Pensionsversicherung. In der Pensionsversicherung dann schritt¬ weise Verbesserungen in der Pen¬ sion, zuerst fallweise in Verhandlun¬ gen und später dann durch eine ge¬ wisse Automatik. Bewegung in den Betrieben gab es dann für die Arbeitszeitverkürzung, und nach langen Verhandlungen wurde 1959 durch einen Generalkol¬ lektivvertrag die 45-Stunden-Woche eingeführt. Nach Jahren weiterer Verhandlungen ging es etappen¬ weise zur 40-Stunden-Woche. Auch die Urlaubsverlängerung von zwei Wochen Mindesturlaub auf drei Wochen, auf vier, jetzt fünf Wo¬ chen, kam nicht von selbst, auch nicht der 13. und 14. Monatsbezug. Das sind Erfolge konsequenter Ge¬ werkschaften. »Arbeit & Wirtschaft«: Zweifellos sind das bedeutende Erfolge, aber als jahrzehntelang tätiger, erfahrener Gewerkschafter weißt du ganz ge¬ nau, daß in demAugenblick, da etwas erreicht ist, auch schon vergessen ist, wie es zustande kam. Anton Benya: Wer die Entwick¬ lungszeit nicht mitgemacht hat - und das ist gar kein Vorwurf, sondern eine Feststellung hat das Gefühl, das steht ihm selbstverständlich zu, denkt aber nicht daran, daß all das auf das ständige Drängen der Gewerkschaf¬ ten zurückzuführen ist, wenn es zu sozialen Verbesserungen kommt. Beispiele sind etwa die Feiertagsbe¬ zahlung für Arbeiter, die Arbeiterab¬ fertigung, die Entgeltfortzahlung, die es früher nicht gegeben hat. Um die Politik des Möglichen »Arbeit & Wirtschaft«: Sicher wür¬ digen die arbeitenden Menschen die Leistungen der Gewerkschaften. Kri¬ tische Stimmen wird es aber dennoch immer wieder geben. Anton Benya: Die hat es auch im¬ mer gegeben, aber der ÖGB hat den¬ noch immer eine Politik des Mögli¬ chen betrieben. Als es um die Preis- und Lohnabkommen ging, die ganz einfach notwendig waren, gab es auch Kritik, der Gewerkschaftsbund betreibe eine falsche Politik, die nur zur Verelendung der arbeitenden Menschen führe. Es war in den harten Auseinandersetzungen, in den harten Diskussionen nicht leicht, den Men¬ schen zu erklären, daß diese Politik richtig ist. Sie hat sich aber als richtig erwiesen. Auch die Behauptung, der ÖGB mache der Regierung die Mauer, ist doch nicht neu, die gab es schon in den zwei Jahrzehnten der Großen Koalition! Jedoch der letzte große Streik, der Streik der Metallarbeiter von 1962, für den ich damals die Ver¬ antwortung gehabt habe, fiel in die Zeit der Großen Koalition. Kleinere Streiks gibt es auch heute, aber wir haben durch unsere Stärke viele Dinge mit der Regierung im Verhand¬ lungsweg zustande gebracht, wo Gewerkschaften in anderen Ländern auf die Straße gehen müssen. Wenn der Vorwurf, der ÖGB mache der Re¬ gierung die Mauer, jetzt immer wieder zum Ausdruck kommt, so hat man den-wiegesagt-auch inder Zeit der Großen Koalition erhoben: Weil die beiden großen Parteien regieren und im Gewerkschaftsbund ebenfalls die Vertreter dieser großen Parteien dik¬ tieren, mache der ÖGB der Regierung die Mauer. Man konnte aber nicht behaupten, daß wir zum Beispiel in der ÖVP- Alleinregierung eine andere Politik trieben haben. Da gab es zwar vieler- seits die Meinung, man müßte mehr verlangen, aber ich habe gesagt, als Gewerkschafter wollen wir Gewerk¬ schafts- und Wirtschaftspolitik be¬ treiben, denn wir haben dafür zu sorgen, daß sich das Land in Ruhe weiterentwickeln kann. Während der sozialistischen Alleinregierung hat m mm•• vh r Mit Etappenlösung zur 40-Stunden-Woche. s/se arbeit Wirtschaft 13