sma Wirtschaft: Positive Entwicklung Eine spezifisch österreichi¬ sche Charaktereigenschaft ist es, jeder noch so guten Nach¬ richt ein »aber« anzuhängen und dieser guten Nachricht eine Rei¬ he von negativen Möglichkeiten folgen zu lassen. Wenn also über die außerordentlich positive Entwicklung der österreichi¬ schen Wirtschaft berichtet wird, soll diesmal kein »aber« folgen, sondern hervorgehoben werden, daß das Jahr 1988 mit einem zu erwartenden realen Wirtschafts¬ wachstum von 3,5% das bisher erfolgreichste der achtziger Jah¬ re geworden ist. Zur Unterstreichung die realen Wachstumsraten seit 1980: gebnis ist die gute internationa¬ le Konjunkturentwicklung ver¬ antwortlich, denn auch die OECD-Staaten befinden sich in einem nicht vorhergesehenen Wirtschaftsaufschwung. Wenn man nun an die ersten Prognosen für das heurige Jahr zurückdenkt, die bei 1,5% begannen und all¬ mählich bis Sommerbeginn auf 2,5% anstiegen, so kann man angesichts der weiterhin guten internationalen Entwicklung durchaus annehmen, daß ein Wachstum von 4% für 1988 gar nicht im Bereich der Phantasie liegen muß. Warum? Nachdem, wie erwähnt, die gute Exportkon¬ junktur die Wachstumsprognose die führenden Industrienationen, eine Kapazitätsauslastung ihrer Industrie von durchschnittlich über 85,5% erreichen wird (ein seit 1970 nicht mehr erzielter Wert), kann geschlossen wer¬ den, daß aufgrund der fast er¬ reichten Kapazitätsgrenze die Nachfrage (Importe) weiter stei¬ gen wird. Das wird der öster¬ reichischen Exportwirtschaft zu¬ sätzliche Aufträge bringen. Zusätzlich nährt die Annahme eines noch höheren als des pro¬ gnostizierten Wachstums in Osterreich die Tatsache, daß der Sommer heuer außergewöhnlich schönes Wetter bescherte, so daß die Nächtigungszahlen si¬ cher höher als angenommen sein werden. Zwar findet in der Diskussion der Fremdenverkehr nicht den so gewichtigen Platz, der ihm zustünde, doch sollte vermerkt werden, daß der Bei¬ trag des Fremdenverkehrs zum Bruttoinlandsprodukt in Öster¬ reich von allen OECD-Ländern am höchsten ist, nämlich 7,4%. Da bringt jeder schöne Tag in Österreich einen zusätzlichen Wachstumsimpuls! Die Prognose rechnet zwar für heuer mit einem gleich hohen Reiseverkehrsüberschuß wie 1987, doch ist anzunehmen, daß das bis Ende August schöne Wetter wahrscheinlich zu einem höheren Aktivum führen wird. Obwohl international in den tradi¬ tionellen Ferienländern heuer mit einem Nächtigungszuwachs von 5% gerechnet wird, Österreich aber nur eine Steigerung der Nächtigungen von +2,5% erzie¬ len soll, ist die Zukunft des öster¬ reichischen Fremdenverkehrs gesichert, auch wenn heuer der internationale Durchschnitt nicht erreicht wird: denn ange¬ sichts zunehmender Umweltver¬ schmutzung und des stärker wer¬ denden Umweltbewußtseins der Touristen hat Österreich ein »As in der Hand«: eine zum Großteil reine Umwelt mit reinen Seen usw. Wer heuer nicht das ver¬ schmutzte Meer (Adria) gesehen hat, macht sich keinen Begriff von den ökonomischen Konse¬ quenzen. Wir leben in einer freien Marktwirtschaft, es wäre also höchst vernünftig, Öster¬ reich für die kommende Som¬ mersaison 1989 als das »reine Urlaubsland« anzubieten. Nochmals ein Blick über unse¬ re Grenzen: Unser wichtigstes Handelspartnerland, die BRD, verzeichnet heuer ebenfalls das stärkste Wirtschaftswachstum seit Ende der siebziger Jahre, wobei vor allem ein Investitions¬ boom dieses Wachstum stützt. Allein im ersten Halbjahr stiegen in der BRD die Investitionen um 11% gegen das 1. Halbjahr 1987. Die Kapazitätsauslastung hat 85% erreicht (daher ist auch der Investitionszuwachs erklärbar). In Frankreich, England und den Niederlanden ist eine ähnliche Kapazitätsauslastung festzustel¬ len, in den USA beträgt sie be¬ reits wieder 83,7%. Aber, und das ist die bedenkli¬ che Entwicklung dabei: in den USA hat zwar diese hohe Kapa¬ zitätsauslastung zu einem Rück¬ gang der Arbeitslosenrate auf 5,5% geführt (dem niedrigsten Wert seit 14 Jahren), in Japan ist die Arbeitslosenrate traditionell niedrig (3%), doch zum Beispiel in den Niederlanden: trotz einer Kapazitätsauslastung von 84% bleibt die Arbeitslosenrate bei 14% (!), in der BRD (bei 85%) 9% Arbeitslosenrate, in Italien be¬ trägt sie 16%, in Frankreich 10%, in England verharrt sie trotz boo¬ mender Wirtschaft bei 8%. Auch in Österreich erwartet man trotz hohem Wachstum 5,4% Arbeits¬ losenrate. Für dieses spezifisch europäi¬ sche Phänomen gibt es mehrere Erklärungen. Unter anderem wird argumentiert, daß im Unter¬ schied zu den USA und Japan der industrielle Sektor in Europa gegenüber dem Dienstleistungs¬ sektor noch weit höher sei, die Arbeitslosen aber hauptsächlich aus jenen Industriezweigen kom¬ men, die noch immer Arbeits¬ kräfte abbauen beziehungsweise keine neuen aufnehmen, wäh¬ rend zum Beispiel in den USA der Dienstleistungssektor Hundert¬ tausende neue Arbeitsplätze ge¬ schaffen hat und hier Europa noch nachhinkt. Das wäre eine Erklärung (sicher kommt auch noch die im Vergleich zu den USA geringere Mobilität dazu usw.). Aber es klingt schon eini¬ germaßen unverständlich, daß trotz dieses Wirtschaftsauf¬ schwungs die Arbeitslosigkeit in Europa so hoch bleibt! Anderseits führte in der Ver¬ gangenheit ein Wirtschaftsboom immer zu höheren Preisen, die Inflation bekam zusätzlich Nah¬ rung. Diesmal bleibt der Preis¬ druck aber aus, die Preise wer¬ den relativ stabil bleiben. Auch in Österreich erwartet man eine Preissteigerungsrate von nur 2%, die auf 2,7% im nächsten Jahr steigen soll. Aber ein Infla¬ tionsschub ist in Österreich und auch international nicht zu erwar¬ ten. Dazu kommt noch, daß der Ölpreis weiter sinkt, der Dollar stabilisiert ist, so daß ein Preis¬ druck von außen in nächster Zeit nicht zu erwarten ist. Auch für das kommende Jahr ist eine reale Exportsteigerung von 6% (1987: 2,3%, 1988:8%) zu erwarten, so daß die Annahme des Wirt¬ schaftsforschungsinstitutes, daß 1989 ebenfalls ein gutes Wirt¬ schaftsjahr sein wird (Wachs¬ tum insgesamt 2,5%), nicht als zu optimistisch bezeichnet wer¬ den kann. 1980 1981 1982 1983 1984 1985 1986 1987 1988 (Prognose) 3,0 -0,1 1,1 2,2 1,4 2,8 1,7 1,5 3,5 Für dieses außerordentlich von 3,5% ermöglichte und die in- und vor allem unerwartet gute Er- ternationale Wirtschaft, vor allem Der Arbeitsmarkt im August 1988 Veränderungen Veränderungen gegen Vormonat gegen Vorjahr Beschäftigte insgesamt 2,882.579 + 5.894 + 20.811 davon Inländer 2,725.766 + 3.187 + 16.417 Männer 1,608.881 + 1.976 * Frauen 1,116.885 + 1.211 * davon Ausländer 156.813 + 2.707 + 4.394 Männer 97.423 + 1.330 * Frauen 59.390 + 1.377 * Arbeitslose insgesamt 118.819 + 449 - 664 davon Inländer 112.457 - 184 - 932 Männer 54.449 - 698 - 931 Frauen 58.008 + 514 1 davon Ausländer 6.362 + 633 + 268 Männer 3.878 + 232 + 73 Frauen 2.484 + 401 + 195 Offene Stellen 32.468 - 15 + 5.671 Arbeitslosenrate 4,0% - - Lehrstellensuchende 6.252 - 7.685 - 1.170 Offene Lehrstellen 10.592 + 275 + 2.832 Verbraucherpreisindex Österreich April 2,2%, Mai 1,7%, Juni 1,4%, Juli 2,1%, August 1,8% Internationale Vergleichswerte (in Prozenten) April Mai Juni Juli August Deutschland 1,0 1,1 1,1 1,0 1,2 Schweiz 1,9 2,2 2,1 1,8 1,8 Italien 5,0 4,9 5,0 4,9 5,0 Belgien 0,9 1,0 1,0 1,0 0,9 Frankreich 2,5 2,5 2,6 2,7 — Niederlande 0,7 0,7 0,7 1,0 - Großbritannien 3,9 4,3 4,7 4,8 — Schweden 6,1 6,7 6,7 6,4 - Norwegen 7,3 7,3 7,3 6,8 - Dänemark 4,7 4,6 4,6 4,1 — USA 3,9 3,9 4,0 4,1 — Kanada 4,0 4,1 3,9 3,8 — Japan 0,0 -0,1 0,0 0,5 - * Mangels Zählung ist die Angabe von Vergleichswerten nicht möglich. 10/88 iutait Wirtschaft 11