Da ist noch viel zu tun ... Konsumentenschutz und Medizin Rein rechtlich gibt es im Prinzip keinen Unterschied zwischen der Reparatur der Lenkung beim Auto und der »Krone« oder Zahnersatzrepa¬ raturen im eigenen Mund. Aber papierenes Recht und Alltagswirklichkeit klaffen oft weit auseinander. Das belegt ein Blick in die Wartezimmer¬ praxis von Ärzten oder Zahn¬ ärzten: viele der sonst, egal ob beim Automechaniker, Installa¬ teur oder Fliesenleger, recht selbstbewußten Konsumenten sind dann plötzlich kleinlaut, klamm und still. »Im Behand¬ lungsstuhl schmilzt aller Schmäh«, so ein recht promi¬ nenter Zahnarzt, der gar nicht gern genannt werden will, da ihm seine Ehrlichkeit schon ge¬ nug Scherereien mit seiner »Standesvertretung« eingetra¬ gen hat. »Im Behandlungs¬ stuhl werden die vorlauten Drängier und Gschaftlhuber recht still, klein und schüch¬ tern.« Da erkennt man sich recht rasch wieder, stimmt's? Dabei gibt es - entfernt man sich ein bißchen aus Europas Herz — recht einschneidende Unterschiede. In Nordamerika ist der Arzt nicht der »Halbgott im weißen Kittel«, sondern ein recht pragmatischer, nüchter¬ ner Wirtschaftspartner des Konsumenten. Viele Zahnärzte sind zum Beispiel rund um die Uhr bereit. Bereit, auch dem an Zahnschmerzen leidenden Patienten ein ähnliches Ser¬ vice zu bieten wie der Friseur. Daß ohne Rücksprache im Mund herumgebohrt würde, das ließe sich kein New Yorker Zahnarzt einfallen. Vor allem auch deshalb nicht, weil sich das kein Patient gefallen ließe. Unbefriedigende Erfahrungen Mißliche Erfahrungen mit Ärzten sind in unserem Land (aber in Deutschland etwa ist es auch nicht anders) offenbar an der Tagesordnung. Man ist froh, wenn man überhaupt ei¬ nen Arzt gefunden hat, dem man halbwegs vertraut. So das Resümee einer Veranstal¬ tung in der VHS Floridsdorf im heurigen Frühjahr, ähnlich wa¬ ren die Konsumentenmeinun¬ gen früherer Diskussionveran¬ staltungen zu diesen Themen. Forscht man näher nach, er¬ weist sich dieses mangelnde Bewußtsein der Konsumenten von ärztlichen Dienstleistun¬ gen auch als Selbstbewußt¬ seinsproblem. Zwar ist das Rechtsverhältnis zwischen Arzt und Patient (Konsument) eindeutig und unabhängig von allen Versicherungen. Aber es hat sich offenbar eingebür¬ gert, drittfinanzierte ärztliche Dienstleistungen (also die ärzt¬ liche Dienstleistung auf Kran¬ kenkasse) passiv und ein bis- serl »verschämt« zu sehen. der Behandlungsplatz für den betroffenen Bedürftigen knapp. Wer verkühlt und hu¬ stend zum Arzt geht, ist oft froh, wenn die Arzthilfe, meinetwe¬ gen die Frau des Arztes, das Rezept zur heilenden Medizin ausstellt. Eine Minute viel¬ leicht, die die Krankenkasse dann ein paar Hunderter ko¬ stet . . .? Da stimmt doch was nicht. Eben: das Verhältnis stimmt nicht so recht. Für ein banales Rezept, eine Medizin, die viel¬ leicht 35 S kostet, soll man selbst mehr als 20 S zahlen und mehr als 200 S über die Sozialversicherung an den Arzt bezahlen (müssen)...? Die im Hintergrund bleiben¬ de Drittfinanzierung von Ge¬ sundheitsdienstleistungen ist sicherlich ein Problem für An¬ bieter wie Nachfrager. Das zweite Problem sind die an Zahl relativ geringen Dritt- finanzierungsberechtigten (sprich: mit Krankenkassen¬ verträgen ausgestatteten Ärz¬ te). Aber es gibt noch ein drittes Problem: das mangelnde qua¬ litative Dienstleistungsbe- Konsument (Patient) Dienstleister (z. B. Arzt) rechende Zahlung sind niLeistung u bewußt »Zahlender« (Krankenkasse) Durch das »weggeschaltete« Zahlungsbewußtsein entsteht letztlich Abhängigkeit. Ärzte und »Patienten« ver¬ stehen die Sozialversicherung als eine - im konkreten Fall - unbekannte Größe (oder »an¬ onyme« Einrichtung), die be¬ zahlt und wo man, als Patient, froh ist, daß bezahlt wird. Knappes Angebot bringt keine Qualität Trotz der in den Medien be¬ richteten Ärzteschwemme ist wußtsein der Patienten/Konsu¬ menten. Wer traut sich schon, einen Arzt auf Mängel, Schwachstellen usw. hinzu¬ weisen ...? Nachfragen, Reklamieren - beim Installateur ja, beim Arzt...? Eher: Nein. So die Stimmung bei der VHS-Veran¬ staltung in Floridsdorf. Lieber nicht, weil eine schlechte ärztli¬ che Dienstleistung noch immer besser ist als gar keine! So die Meinung im Publikum. Wobei man aber selbst weiß, daß die¬ se Meinung an sich nicht rich¬ tig, sondern nur eine notge¬ drungen gebildete ist... Was wünschenswert wäre Wohl mehr Kostenverständ¬ nis. Patienten/Konsumenten sollten wissen können und dürfen, was die Inanspruch¬ nahme desArztes kostet. Dazu müßte die Sozialversicherung mehr Information schaffen. Eine Nachricht darüber, was die Versicherung, die man schließlich selbst bezahlt hat, letztlich dem Arzt überwies, wäre wünschenswert. Und dar¬ über sollte diskutiert werden, ob zum Beispiel eine viertel¬ jährliche Information der be¬ zahlten Kosten an den Versi¬ cherten (sprich: Konsumenten einerseits, Versicherten ander¬ seits) hier nicht sinnvoll wäre, da sie Kosten und Leistungen des Versicherers klarmachen würde. Mit so einer Kostenüber¬ sicht in der Hand würde dem Konsumenten bewußt, was die ärztliche Leistung nun wirklich gekostet hat! An sich, im Zeitalter der Transparenz und Information, eine Selbstverständlichkeit und das mitunter dagegen einge¬ brachte Argument, daß sich manche Patienten dafür genie¬ ren und teure Leistungen (ob- schon ihr Recht) meiden wür¬ den, eher fehl am Platz. So eine Übersicht wäre außerdem ein relativ billiges und glaubwürdi¬ ges Leistungsdarstellungsmittel der Krankenkassen. Im Com¬ puterzeitalter überdies keine Hexerei. Mehr kassen- berechtigte Ärzte? Abgesehen von Minderhei¬ ten, geht wohl kein vernünftiger Mensch zum Arzt, wenn er nicht muß. Das ist die eine Sei¬ te. Die andere: Ärzte (die man über die Krankenkasse in An¬ spruch nehmen kann) sind knapp. Massenbetrieb ist an der Tagesordnung, Anstellen, Verwarten von Zeit, schlech¬ te Wartezimmerorganisation usw., weil es dem Arzt meist 18 artM^twirtsdyift 10/88