LEITARTIKEL I *1 v, Der rot- weißrote Standort in Europa 1. Mai, Weltfeiertag der Arbeit. Ein Anlaß, um weltweit darüber nachzu¬ denken, was hinter dem Begriff Arbeit steht. Arbeit bedeutet Existenzsiche¬ rung, Lebensstandard, Aufstiegs¬ chancen, die Möglichkeit, für die Zu¬ kunft zu planen. Arbeit ist die Basis - aus unserer Sicht die einzige Basis um ein stark geknüpftes soziales Netz tragfähig zu erhalten. Tragfähig für jene, die dieses soziale Netz und da¬ mit unsere Solidarität brauchen. Weil sie krank sind, weil sie behindert sind, weil sie Hilfe und Pflege benötigen. Ar¬ beit ist aber mehr als bloß ein materi¬ eller Wert. Arbeit ist Selbstbestäti¬ gung, ist ein Teil des Sinns unseres Lebens. Und Arbeit ist letztlich auch ein stabiler Faktor in unserem gesell¬ schaftlichen und demokratischen Zu¬ sammenleben: Wo zuwenig davon vorhanden ist, formieren sich radikale Gruppierungen. Fehlende Arbeit ist sozialer Sprengsatz, der oft in Gewalt umschlägt. Wo Arbeit fehlt, wächst die Ausländerfeindlichkeit und werden Brandbomben gezündet. Arbeitslosig¬ keit wird zur Saat der Gewalt. Daraus ergibt sich die Haltung der Gewerkschaften, die sich seit vielen Jahren nicht geändert hat und die in einem Satz lautet: Die Wiedererrin- gung der Vollbeschäftigung hat abso¬ luten Vorrang. Für dieses Ziel müssen wir unser gesamtes Instrumentarium einsetzen: auf europäischer Ebene grenzüberschreitende Strukturpro¬ gramme, auf nationaler Ebene die ra¬ sche Umsetzung bereits fertig geplan¬ ter Bauvorhaben, die Verlagerung des Schwerverkehrs auf die Schiene, Um¬ schulungsprogramme, um neue Qua¬ lifikationen zu schaffen, und nicht zu¬ letzt eine fühlbare Arbeitszeitverkür¬ zung, um die Arbeit auf mehr Köpfe und Hände zu verteilen. In diesem Zusammenhang wird im¬ mer wieder die Frage gestellt, ob wir Österreicher den Weg nach Europa gehen sollen. Die Frage ist eindeutig falsch gestellt, denn wir waren immer ein Teil Europas. Wir gehören zu Eu¬ ropa, und daraus leiten wir das Recht arbeit 5/94 und die Verpflichtung ab, in Europa mitzubestimmen. In einem Europa, das wir ganz klar vor Augen haben: ein friedliches, demokratisches und soziales Europa. Die Gewerkschaften haben einen langen Prozeß der intensiven Bera¬ tungen hinter sich. In den letzten fünf Jahren - also vor dem berühmten Brief nach Brüssel - haben alle Ge¬ werkschaften und damit alle Branchen sehr sorgfältig analysiert, was ein EU- Beitritt an Vor- und Nachteilen bringen würde. Parallel dazu aber haben sie auch berechnet, was es bedeuten würde, außerhalb der EU zu bleiben oder erst zu einem späteren Zeit¬ punkt, zusammen mit Ländern des ehemaligen Ostblocks, in Brüssel vor¬ stellig zu werden. Ein langer Beratungsprozeß, bei dem sich alle Beteiligten ihrer hohen Verantwortung bewußt waren, hat schließlich dazu geführt, unseren Mit¬ gliedern ein Ja zur Europäischen Uni¬ on zu empfehlen. Dieses Ja begrün¬ det sich damit, daß die wirtschaftli¬ chen und ökologischen Vorteile ein¬ deutig überwiegen, daß uns die Mit¬ sprache wichtig erscheint und daß wir vor allem über allen Branchenproble¬ men, die noch separate Hilfestellun¬ gen für die Betroffenen erfordern wer¬ den, das Ziel sehen müssen: ein Euro¬ pa ohne Kriege, ein demokratisches Europa, ein Europa, das schrittweise das soziale Gefälle ausgleicht und am Ende zu einem Europa der alten geo¬ graphischen Grenzen zusammen¬ wachsen soll. Österreich ist in diesem Europa ein guter Standort. Nach allen internatio¬ nalen Bewertungseinheiten gehören wir zum elitären Kreis der zehn führen¬ den Staaten der Welt. Wir haben ei¬ nen hohen Lebensstandard, wir sind in Fragen der Umwelt Vorreiter, unser soziales Netz umfaßt alle Generatio¬ nen und wurde vor kurzem durch das Jahrhundertgesetz zur Pflegevorsor¬ ge noch ergänzt. Daß die Gewerk¬ schaften entscheidend zu diesem ho¬ hen Standard beigetragen haben, stellt heute niemand mehr in Frage und wird auch Jahr für Jahr neu unter Beweis gestellt. Ich verweise in die¬ sem Zusammenhang nur auf die er¬ folgreichen Bemühungen um jene, die weniger verdienen als der Durch¬ schnitt. In den letzten vier Jahren wur¬ de die Zahl der Betroffenen, die weni¬ ger als 10.000 Schilling verdienen, von 430.000 auf fast Null gesenkt. Und zusätzlich hat eine Steuerreform, die sehr deutlich die Handschrift des ÖGB trägt, Einkommen bis 10.500 Schilling steuerfrei gestellt. Die Österreicher neigen dazu, das alles als selbstverständlich zu be¬ trachten. Sie übersehen dabei, daß im Zuge der Wirtschaftsflaute in vielen Ländern soziale Errungenschaften abgebaut wurden und daß dieser Ab¬ bauprozeß in Österreich nur verhin¬ dert werden konnte, weil eben die Ge¬ werkschaften so stark sind und mit Er¬ folg die Haltung vertreten haben, daß Defensivstrategien die wirtschaftli¬ chen Probleme nicht lösen können. Im Zuge der wirtschaftlichen und sozialen Debatten wird von den Unter¬ nehmern immer wieder der Ruf nach dem scheinbaren Wundermittel der flexiblen Arbeitszeiten erhoben. Dazu ein ganz klares Wort: Wir sind überall dort gesprächsbereit, wo sich daraus auch Vorteile für die Arbeitnehmer er¬ geben und wo sie über die Arbeitszeit mitbestimmen können. In der Praxis funktioniert das ohnehin besser, als es die Unternehmer darstellen. Im¬ merhin arbeitet schon jetzt jeder Sechste außerhalb der sogenannten Regelarbeitszeit, das heißt, er ist am Samstag oder am Wochenende tätig, er leistet Schichtarbeit oder ist im Wechsel- oder Turnusdienst einge¬ setzt, was auch den Nachtdienst mit¬ einschließt. Eines wollen wir aber mit Nach¬ druck unterstreichen: Wir sind nicht bereit, die Arbeitszeit als puren Faktor der Betriebskosten zu sehen, ohne Rücksicht auf das familiäre oder ge¬ sellschaftliche Umfeld. Der Schutz des Menschen steht auf unserer Wer¬ teskala hoch über der Auslastung der Maschinen. Liebe Kolleginnen und Kollegen: Wir alle können stolz sein auf den Standort Österreich, den wir alle ge¬ meinsam erarbeitet haben. In den nächsten Jahren geht es darum, die¬ sen rotweißroten Standort abzusi¬ chern und auszubauen. Dafür lohnt es sich zu arbeiten. Österreich hat viel in ein gemeinsames Europa einzubrin¬ gen. Diese Chance sollten wir aktiv nützen. Dann wird der 1. Mai eines Ta¬ ges wieder zu einem Feiertag, an dem wirklich alle Arbeit haben. Glück auf! Fritz Verzetnitsch