WIRTSCHAFTSSPIEGEL Austria und USA »Das fängt ja gut an« ist ein Ausspruch, der eigentlich negativ besetzt ist, aber diesmal, das Jahr 1994 betreffend und in wirt¬ schaftlicher Hinsicht, als positive Aussage genommen werden soll. Denn die Wirtschaft in Österreich und auch in den übrigen westeuropäischen Ländern erholt sich nachweisbar, der Rück¬ gang des Vorjahres wird heuer aufgeholt, die Auftragsbücher der Industrie füllen sich, die Prognosen werden überprüft, und es gibt bereits Vorausberechnungen, die für das nächste Jahr ein Wachstum von fast 3 Prozent erwarten, nach etwa knapp unter 1,5 Prozent für 1994. Aber eine der wichtigsten Meldungen der jüngst vergan¬ genen Zeit (abgesehen vom 200-Meter-Sprung eines öster¬ reichischen Skispringers) ist in einer ausländischen Zeitschrift erschienen, und zwar in »Euro- money«, herausgegeben von ei¬ ner Institution, die sich haupt¬ sächlich mit der Beobachtung und Kommentierung der Ent¬ wicklung der Finanzmärkte be¬ schäftigt. Und worin bestand diese sensationelle Meldung? Diese Institution hat Öster¬ reich nach den USA als das kre¬ ditwürdigste Land der Welt gereiht (im Vorjahr war Öster¬ reich noch auf Platz 8). Gestattet sei zwischendurch eine Erklärung, weshalb über¬ haupt Erhebungen über Kredit¬ würdigkeit und Länderrisken durchgeführt werden: Staaten und staatliche Institutionen (in Österreich zum Beispiel die Post, Eisenbahn usw.) treten aufden internationalen Finanz¬ märkten als Kreditnehmer auf. Dies kann in Form von Kredi¬ ten, von Anleihen geschehen. Das Geld wird von Banken und ähnlichen Institutionen bezie¬ hungsweise von sichere Anla¬ gen suchenden Fonds (heute besser bekannt als institutionel¬ le Investoren) zur Verfügung gestellt, allerdings erst nach sorgfältiger Überprüfung des Risikos. Ohne allzu theoretisch zu werden: die Höhe eines Zins¬ satzes richtet sich nach vielen Kriterien, unter anderem nach Anbot und Nachfrage und nach der Einschätzung der zukünfti¬ gen Preiserhöhungen. Wenn ich heute für 10 Schilling zwei Äpfel bekomme und ich ver¬ zichte aufden Kaufdieser Äpfel und borge diese 10 Schilling für die Dauer von 10 Jahren her, so möchte ich in zehn Jahren den Gegenwert für zwei Äpfel ha¬ ben, daher werde ich mir über die mögliche Preisentwicklung ein Bild machen und diese Ein¬ schätzung in den Zinssatz mit¬ einbeziehen. Weiters richtet sich der Zinssatz nach dem Ri¬ siko der möglichen Nichtrück- zahlung. Je höher das Risiko, um so höher der sogenannte Ri¬ sikoaufschlag. Umgekehrt gese¬ hen: je geringer das Rückzah- lungsrisiko eingeschätzt wird, desto attraktiver wird man für die internationalen Finanz¬ märkte. In diese Risikoein¬ schätzung fließen viele Kriteri¬ en ein: die Wirtschaftskraft des nun nnn - 1 1O.UJU.UUU 3.000.000 - ? ? Landes, die Wachstumschan¬ cen, die politische und soziale Stabilität, die Währungspolitik usw. Ein institutioneller Anle¬ ger muß ja vor allem das ihm zur Verfugung gestellte Geld (für zukünftige Pensionszah¬ lungen, für Lebensversicherun¬ gen usw.) sicher anlegen, daher sind Investoren bereit, zu gün¬ stigen Konditionen Geld zur Verfügung zu stellen bezie¬ hungsweise Wertpapiere öster¬ reichischer Institutionen zu er¬ werben. »Euromoney« hat also Öster¬ reich auf den zweiten Platz ge¬ reiht: 1. USA, 2. Österreich, 3. Lu¬ xemburg, 4. Kanada, 5. Nieder¬ lande, 6. Schweiz, 7. Frank¬ reich, 8. Dänemark, 9. BRD (nach hinten gerutscht, da es mit den Problemen des Ostteils noch nicht zu Rande gekom¬ men ist), 10. Singapur. Mit der Dokumentierung, eines der stabilsten Länder die¬ ser Welt zu sein, ist natürlich eine Reihe von Vorteilen für Österreich verbunden. Es ist, durch die niedrigeren Finanzie¬ rungskosten bedingt, ein Bei¬ trag zur preislichen Stabilität. Niedrige Finanzierungskosten geben auch Anreiz für Investi¬ tionen. Alle Vorteile aufzu¬ zählen, wäre schwierig, insge¬ samt ist es ein weiterer Antrieb für das bereits eingetretene Wachstum. Das Jahr fängt somit recht gut an. Weniger erfreulich ist allerdings die Tatsache, daß die Zahl der Arbeitslosen sich nicht verringern wird, nicht nur in Österreich, sondern in Westeu¬ ropa insgesamt. Vor kurzem war in der ange¬ sehenen Zeitung »Wall Street Journal« zu lesen, daß zum Bei¬ spiel eine 30jährige Verkäuferin in einem östlichen Staat in den USA in der Woche etwa 230 US-Dollar verdiene, bei 9 Stun¬ den Arbeit täglich und 6-Tage- Woche und ohne Kranken- und Altersversicherung. Diese Situation wurde mit einem arbeitslosen Angestellten in Berlin verglichen, welcher 230 Mark pro Woche Arbeitslosen¬ unterstützung und Kranken¬ versicherung bezieht. In Amerika zieht das Wirt¬ schaftswachstum an und die Zahl der Beschäftigten steigt von Monat zu Monat, in Deutschland ist die Wirtschaft auf einem niedrigen Wachs¬ tumspfad und die Zahl der Ar¬ beitslosen steigt. Ist daher der Schluß zulässig, daß Lohnsen¬ kungen zu mehr Arbeitsplätzen führen und zu Wachstum? Si¬ cher nicht, denn das, was in den USA vor sich geht, ist nicht un¬ bedingt erstrebenswert. Im »Spiegel« war unlängst zu lesen, daß in den USA seit 1972 über 34 Millionen Arbeits¬ plätze geschaffen worden sind, Märe 93 Feb.94 März 94 Beschäftigte insgesamt 270.000 260.000 250.000 240.000 230.000 März 93 Feb.94 März 94 Arbeitslose insgesamt März93 Feb.94 März94 Arbeitslosen¬ quote Jän. 94 Feb. 94 März 94 Verbraucherpreisindex in Österreich Der Arbeitsmarkt im März 1994 Beschäftigte insgesamt 3.041.615 davon Inländer 2.757.785 Männer 1.560.107 Frauen 1.197.678 davon Ausländer 283.830 Männer 179.827 Frauen 104.003 Arbeitslose insgesamt 228.865 davon Inländer 199.355 Männer 114.120 Frauen 85.235 davon Ausländer 29.510 Männer 21.791 Frauen 7.719 Offene Stellen 31.221 Arbeitslosenquote in % 7,0 Lehrstellensuchende 3.235 Offene Lehrstellen 6.591 Veränderungen gegen Vormonat 38.404 28.913 30.216 - 1.303 9.491 9.804 - 313 —42.788 -34.186 -31.454 - 2.732 - 8.602 - 8.332 - 270 2.794 - 1,3 - 198 135 Veränderungen gegen Vorjahr 21.314 2.356 6.055 - 3.699 18.958 6.532 12.426 -10.240 - 6.507 - 5.480 - 1.027 - 3.733 - 3.560 - 173 - 3.447 - 0,3 285 -2.195 Internationale Vergleichswerte (in Prozent) (Verbraucherpreisindex) Nov. Dez. Jän. Feb. März Deutschland (West) 3,6 3,7 3,5 3,4 3,2 Schweiz 2,2 2,4 2,0 1,8 1,3 Italien 4,3 4,0 4,2 4,2 4,2 Belgien 2,5 2,7 2,4 2,5 2,3 Frankreich 2,1 2,1 1,9 1,8 1,5 Niederlande 2,7 2,7 3,0 2,9 2,9 Großbritannien 1,4 1,9 2,5 2,4 2,3 Schweden 4,8 4,0 1,7 1,8 1,7 Norwegen 1,9 1,8 1,4 1,4 1,0 Dänemark 1,5 1,5 1,7 1,8 1,9 USA 2,7 2,7 2,5 2,6 2,5 Kanada 1,9 1,7 1,3 0,2 0,1 Japan 0,9 0,9 1,2 1,0 - 18 iirbril »Mint 5/94