BETRIEBSRAT UND ARBEITSWELT Schuster bleib bei deinem Leisten »Schuster bleib bei deinem Leisten« ist ein altbekanntes Sprich¬ wort, das immer dann Verwendung findet, wenn jemand etwas tut oder tun will, was andere viel besser können. Die All¬ gemeine Unfallversicherungsanstalt (AUVA), seit ihrer Grün¬ dung zuständig für den Bereich Arbeitsunfälle und Berufskrank¬ heiten und ausgestattet mit dem gesetzlichen Auftrag zur Verhütung von Arbeitsunfällen, will auch für das Freizeitunfall¬ geschehen zuständig sein. Dazu will man einen Beitrag, den sogenannten Arbeitnehmerbeitrag, einführen. Vor kurzem ließ der Gene¬ raldirektor der AUVA, Wil¬ helm Thiel, mit der öffentli¬ chen Erklärung aufhorchen, daß ein Arbeitnehmerbeitrag eingeführt werden soll. Damit würde man davon abgehen, die Finanzierung der AUVA ausschließlich durch Beiträge der Arbeitgeber zu sichern. Nur nebenbei bemerkt ist die¬ ser »Arbeitgeberbeitrag« im Prinzip nichts anderes als ein den Arbeitnehmern vorent¬ haltener Lohnbestandteil. Faktum ist jedenfalls, daß sich die Arbeitgeber mit dem Bei¬ trag zur ÄUVA vom Risiko der Haftung bei Arbeitsunfäl¬ len und Berufskrankheiten befreien. Generaldirektor Thiel meint, daß der Arbeit¬ nehmerbeitrag zur Diskussion stünde. Da liegt allerdings ein klei¬ ner Irrtum vor, denn diskussi¬ onswürdig ist vielmehr die Frage, warum denn über¬ haupt solche Überlegungen angestellt werden. Auch dazu gibt es eine öffentliche Er¬ klärung des Generaldirektors, die lautet, daß beispielsweise in Wien zwei Arbeitsunfall¬ krankenhäuser von der AUVA betrieben werden, aber höchstens eines davon mit Patienten nach Arbeitsun¬ fällen ausgelastet ist. Im zwei¬ ten AUVA-Unfallkranken- haus werden überwiegend Pa¬ tienten nach Freizeitunfällen versorgt. Die Kosten für die¬ sen Bereich übernehmen zwar die zuständigen Krankenver¬ sicherungsträger, wobei aber die tatsächlichen Kosten für die AUVA deudich über den Beitragssätzen der Kranken¬ kassen liegen. Eigentliche Hauptaufgabe Der Tatsache der Ausla¬ stung nur eines Unfallkran¬ kenhauses ist nicht zu wider¬ sprechen, im Gegenteil, sie ist im Interesse des Arbeitneh¬ merschutzes sogar zu be¬ grüßen. Nur als Argument für die Einfuhrung eines Arbeit¬ nehmerbeitrags ist sie völlig ungeeignet. Wenn die kurati¬ ven Einrichtungen der AUVA von Patienten in Anspruch genommen werden, die einen Freizeitunfall erlitten haben, so bedeutet das eigentlich, daß der gesetzliche Unfallträ¬ ger Überkapazitäten entweder aufgebaut hat oder zumindest eben über solche verfügt. Die logische Schlußfolgerung dar¬ aus kann aber nur sein, daß man diese Überkapazitäten wiederum abbaut. Damit müßte zwangsläufig ein ande¬ rer Rechtsträger die Einrich¬ tungen weiter betreiben, die nicht mit Arbeitsunfällen aus¬ gelastet sind. Damit werden aber auch bei der gesetzlichen Unfallver¬ sicherung wieder Kapazitäten und finanzielle Mittel frei. Die AUVA kann sich damit wiederum der Klientel ver¬ stärkt zuwenden, von der sich ihre Existenzberechtigung ab¬ leitet, und das sind die Arbeit¬ nehmer. Durch konsequente und noch entsprechend aus¬ zubauende Unfallverhütung kann ein besserer Arbeitneh¬ merschutz erreicht werden. Die eigentliche Hauptaufgabe der AUVA ist die »Verhütung« von Arbeitsunfällen Gerade bei der Unfallverhü¬ tung - übrigens ist das eine zentrale Aufgabe der AUVA — gibt es seit Jahrzehnten große Säumigkeit. Wenn man nur knapp dreieinhalb Prozent ei¬ nes Jahresbudgets für die ei¬ gentliche Hauptaufgabe, nämlich die Verhütung von Arbeitsunfällen und Berufs¬ krankheiten, aufwendet, dann ist das weit weniger als der berühmte Tropfen auf den heißen Stein. Eng im Zusammenhang mit der Unfallverhütung steht allerdings die problematische Aussage des Generaldirektors der AUVA: »Statistiken be¬ weisen, daß der Arbeitsplatz mittlerweile zu den sichersten Lebensbereichen zählt.« Ge¬ nau das ist nämlich schlicht und einfach falsch. Man braucht dazu eigentlich nur die Statistiken der AUVA le¬ sen, dann erkennt man, daß über Jahrzehnte hinweg die Zahl der Arbeitsunfälle nahe¬ zu gleich hoch bleibt. Was sich erfreulicherweise wirklich verbessert hat ist, daß es zu deutlich weniger tödlichen Arbeitsunfällen kommt. Im übrigen und nur am Rande bemerkt: die Arbeitsunfallsta¬ tistik ist mit keiner anderen vergleichbar, denn in ihr sind nur jene Ereignisse enthalten, die zu einer Arbeitsunfähig¬ keit von drei oder mehr Tagen geführt haben. Überkapazität Zusammenfassend ergibt sich daher, daß die Lösung des vorhandenen Problems einer Überkapazität bei den Be¬ handlungseinrichtungen der AUVA nicht die Einführung des Arbeitnehmerbeitrags und damit allenfalls auch die Schaffung einer gesetzlichen Freizeitunfallversicherung ist, sondern die Beseitigung der Überkapazität. Wer will, kann eine private Unfallversi¬ cherung für sich selbst und seine Familie abschließen, mit oder ohne Selbstbehalt, mit oder ohne Taggeld, mit oder ohne Rentenansprüche usw. Die private Versicherungs¬ wirtschaft bietet hier eine breite Palette ausgereifter Pro¬ dukte an, und wie sich zeigt, finden die privaten Unfall¬ versicherungsangebote auch zahlreiche Abnehmer. Für die gesetzliche Unfall¬ versicherung gilt es, den Kampf gegen Arbeitsunfälle und Berufskrankheiten zu verstärken und für die Unfall¬ verhütung endlich die not¬ wendigen Geldmittel zur Ver¬ fügung zu stellen. Das not¬ wendige Expertenwissen ist jedenfalls vorhanden, um die Betriebe intensiv zu betreuen und im Zusammenhang mit der Verhütung von Arbeits¬ unfällen zu beraten und zu unterstützen. Ein Ausflug in Geschäfts¬ bereiche, die von der privaten Versicherungswirtschaft be¬ reits abgedeckt werden, tut der gesetzlichen Unfallversi¬ cherung nicht gut und ist auch nicht erforderlich. »Schuster bleib bei deinem Leisten« heißt es daher auch für die AUVA. Hans Schramhauser 2/96 »trtschaft 17