LEITARTIKEL \-7 Europa, Voodoo und die Verhältnisse, die nicht so sind... Der Göttervater Zeus musste sich sei¬ nerzeit, in der grauen, mythologischen Vorzeit, in einen Stier verwandeln, um die Gunst der Europa zu erlangen. Als solcher verlockte er sie zum Spiel am Strand, und als sie seinen Rücken be¬ stieg, schwamm er mit ihr nach Kreta, allwo er sich zurückverwandelte und mit ihr sein »Beilager« hielt. Heute wirbt der Kontinent, der nach der griechischen Königstochter benannt ist, um uns alle: Wir mögen doch am 13. Juni zu Wahl gehen, zur »Europa¬ wahl«... Die Wahlbeteiligung der Europäer reicht von 90 bis 35 Prozent, Österreich lag mit 67,7 Prozent Wahlbeteiligung im Okto¬ ber 1996 im europäischen Mittelfeld, wenn man aber berücksichtigt, dass in Belgien, Luxemburg, Italien und Grie¬ chenland Wahlpflicht besteht, so stand unser Land mit zwei Dritteln Wahlbeteili¬ gung an der Spitze. Bei einer Umfrage der EU-Kommission im Herbst 1998 kündigten nur 58 Pro¬ zent der Österreicher an, zur Wahl ge¬ hen zu wollen: Das ist, zumindest was die Befragung betrifft, der geringste An¬ teil unter den Mitgliedsländern. »Also, wie man es auch dreht und wendet, Österreich steht immer an der Spitze«, könnte man ironisch behaupten. »Ich geh' wählen«, steht über einem blauen »Europa-Schuh«, mit dem die hiesige Bevölkerung ermuntert werden soll, am zweiten Sonntag im Juni auch wirklich die Wahllokale aufzusuchen. Für aufgeklärte und demokratiebewuss- te Staatsbürger ist es natürlich keine Frage, dass man wählen gehen sollte. Aber bringen Sie das einmal jenen bei, die nicht wollen. Ihrem Arbeitskollegen, Nachbarn, Verwandten, Bekannten, Freunden... Eine Diskussion ist doch im¬ mer was Feines - man kann endlich sei¬ ne Argumente ausprobieren und viel¬ leicht auch etwas dazulernen. Übrigens, man lernt ja nie aus, und das ist gut so. Jedenfalls bin ich jetzt endlich draufgekommen, was ein »Spindoktor« ist. Mein Kollege Harald Ettl hat mir's vor kurzem erklärt. Ich bin halt manchmal et¬ was langsam bei diesen Trendwörtern, aber ein Spindoktor ist nicht unbedingt ein spinnerter Doktor, sondern das Ganze kommt - no na, heutzutage - aus dem Englischen. Dort heißt »spin« unter anderem Drehung oder Drall und ein Spindoktor ist derjenige Experte, der ei¬ ner öffentlichen Sache oder vielleicht ei¬ ner (Wahl-)Kampagne (»campaign«?) einen anderen Drall gibt wie einem Ge¬ schoß, das mit einem leicht veränderten Drall die Flugbahn ändert. Spindoktoren Faszinierend, nicht wahr? Vor allem, wenn man bedenkt, das diese Spindok¬ toren wie moderne Medizinmänner (witch-doctors) jetzt an uns allen herum¬ doktern. Spüren Sie schon was? Aber wenn schon moderne Zauberer, so würde ich mir (ganz unvernünftig und kindisch) wünschen, dass Jugoslawien in ein friedliches Land verwandelt wird, das für seine Toleranz gegenüber Min¬ derheiten, vor allem ethnischen, berühmt ist. Aber vielleicht liegt's an mir, und ich brauche den richtigen »Spin« bzw. Spindoktor - um zu erkennen, dass wir in der besten aller möglichen Welten leben und das alles gut ist, so wie es ist. Bis jetzt bin ich nämlich noch ziemlich unzufrieden, und jene, die mir phijoso- phisch-moralisch-weltanschaulich wei¬ terhelfen könnten oder von Berufs we¬ gen sollten, beschäftigen sich auf un¬ gute Art mit bitteren Details wie der Pille danach für Vergewaltigungsopfer. Aber ich schweife ab und bin schon beim Exkurs des Exkurses. Ausgangspunkt war Europa, und ich wollte eigentlich zu dem Punkt kommen, wo ich erklären kann, wie wichtig es ist, vor allem auch seines Zustandes wegen, und alle Lese¬ rinnen und Leser beschwören: »13. Juni - unbedingt hingehen!« Im Bett liegen bleiben? Mögliche Antworten wie »Ich protestie¬ re, indem ich nicht wählen gehe!« bis zur Variante »Za wos wähln gehen, de mochn doch eh, was wollen!« könnte ich mit Argumenten hinwegfegen... Mit Argumenten wie... Helfen Sie mir, bitte! Was halten Sie zum Beispiel von der Antwort auf Variante 1: »Bleiben S' doch überhaupt jeden Tag im Bett liegen - ein ganz starker Protest...« oder auf Variante 2 nur kurz und bündig: »Prost!« Ah, Sie halten beide Antworten für nicht so gut? Zu ironisch, so verärgert man die Leut nur? Da haben Sie wohl Recht. Ich hab mich da halt zu sehr hinreißen las¬ sen. Eine moderne »Kommunikations¬ technik« lässt ja auch noch Raum für den Gesichtsausdruck, für Mimik und Gestik, und wenn ich bei meiner Antwort freundlich lache und dann weiterrede und sage: »Aber Spaß beiseite, ich ver¬ steh zwar Ihre Einstellung, aber ich kann sie nicht teilen, weil...«, so wär das doch ein Ansatz. Ich kenne zwar Ihr Gegen¬ über nicht, aber Sie könnten ihm doch so viel über Europa erzählen, dass er zum Schluss sagt: »Na, wenn das so ist, dann geh ich halt doch wählen.« Dann hätten wir beide gewonnen... Wenn ich vorhin in einem Anflug von ir¬ realem Wunschdenken versucht habe, auszumalen, was ich mir von einem mo¬ dernen allmächtigen Voodoopriester oder sonst irgendeinem Dämon wün¬ schen könnte - wissen Sie, einem von diesen, die da sagen: »Drei Wünsche hast du frei, mein Gebieter - ich höre und gehorche!« -, so habe ich mir eine mögliche Antwort bereits ausgemalt. Mir ist schon klar, dass es da andere geben könnte, die in dieser Situation als Wunsch äußern könnten: »Ich will end¬ lich die Raketen und Bomben auspro¬ bieren, die ich hier herumliegen habe.« Aber das wäre wohl ein ganz böser Mensch... »Ein guter Mensch sein? Ja, wer wär's nicht gern? Doch leider sind auf diesem Sterne eben Die Mittel kärglich und die Menschen roh. Wer möchte nicht in Fried und Eintracht leben? Doch die Verhältnisse, sie sind nicht so!« heißt es schon in der »Dreigroschen¬ oper«. Und um die Verhältnisse zum Besseren zu ändern, bedarf es der Anstrengung aller, wobei »wählen gehen« wohl die kleinste davon ist... Siegfried Sorz 4 nrbdtSwirtsdiall 5/99