FRAUEN Der kleine Unterschied Gleiche Spielregeln für alle Dass für Männer und Frauen im Leben nicht die gleichen Rechte und Regeln gelten, ist unbestritten. „Gender Mainstreaming" ist ein Ansatz, gleiche Spielregeln für alle herzustellen. »Gender Mainstrea¬ ming« (GM), diese kaum zu übersetzende Formulie¬ rung, ist auch in der Ge¬ werkschaftsbewegung in aller Munde. Das Englische unterscheidet sprachlich zwischen »sex«, dem biolo¬ gischen Geschlecht, und »gender«, dem sozialen Geschlecht. Mit Gender sind die gesellschaftlichen Geschlechterrollen ge¬ meint, die Vorstellungen und Erwartungen, wie Frauen und Männer sind bzw. sein sollen. Mainstrea¬ ming bedeutet in diesem Zusammenhang »in die Hauptrichtung bringen«, das heißt, dass ein be¬ stimmtes Denken und Han¬ deln in den »Mainstream« - in Politik und Verwaltung, Programme und Maßnah¬ men - übernommen und zu einem selbstverständlichen Handlungsmuster wird, dass ein spezielles Thema zu einem Hauptthema wird. »Gender Mainstrea¬ ming« heißt, soziale Un¬ gleichheiten zwischen Frauen und Männern in al¬ len Bereichen und bei allen Planungs- und Entschei¬ dungsschritten immer be- wusst wahrzunehmen und zu berücksichtigen. Alle Vorhaben werden so gestal¬ tet, dass sie auch einen Bei¬ trag zur Förderung der Gleichstellung von Frauen und Männern leisten. Es geht um eine geschlechter¬ bezogene Sichtweise, nicht um eine »Frauengeschich¬ te«. Gender Mainstreaming setzt die Erkenntnis voraus, dass die Geschlechterver¬ hältnisse eine Rolle spielen und Männer und Frauen in verschiedener Weise be¬ troffen sind. Gender Main¬ streaming ersetzt Frauen¬ politik und Frauenstruktu¬ ren nicht, sondern ist ein Prinzip zur gemeinsamen Verantwortung von Frauen und Männern. Bei allen Planungs- und Entschei¬ dungsschritten werden die Fragen gestellt: Wie sieht in dem betreffenden Bereich das Geschlechterverhältnis aus? Wie wirkt sich das ge¬ plante Vorhaben auf die Situation von Frauen und Männern aus? Wie kann ein Beitrag zur Förderung der Gleichstellung geleistet werden? Die EU-Kommission hat im Februar 1996 »Gender Mainstreaming« folgender¬ maßen definiert: »Gender Mainstreaming besteht in der Reorganisation, Ver¬ besserung, Entwicklung und Bewertung von Ent- scheidungsprozessen in al¬ len Politikbereichen und Arbeitsbereichen einer Or¬ ganisation. Das Ziel von Gender Mainstreaming ist es, in alle Entscheidungs- prozesse die Perspektive des Geschlechterverhält¬ nisses einzubeziehen und alle Entscheidungsprozesse für die Gleichstellung der Geschlechter nutzbar zu machen.« GM in Kollektiv¬ verträgen Die Frauenabteilung der Gewerkschaft Metall - Tex- til (GMT) hat gemeinsam mit der Gleichbehand- lungsanwaltschaft an den Kollektivverträgen der GMT untersucht, wie sich die Bedingungen für Frau- Venus en und Männer in diesem Bereich unterscheiden. Zie¬ le waren unter anderem, Bestimmungen in Kollek¬ tivverträgen aufzuspüren, die Benachteiligungen für eine Gruppe zulassen und auf diese bei den nächst¬ möglichen Verhandlungen besonders zu achten. Über¬ prüft wurden unter ande¬ rem Punkte wie Beginn und Ende von Arbeitsverhält¬ nissen, Arbeitszeiten, Nachtarbeit, Überstunden, Sonn- und Feiertagsarbeit, Prämienarbeit, Abfertigun¬ gen, Möglichkeiten zu Aus- und Weiterbildung, aber auch sprachliche For¬ mulierungen. Schwach oder stark? Frauen werden immer noch als besonders geeig¬ net für »leichte Arbeit« an¬ gesehen - dass so genannte »schwache« Geschlecht im Gegensatz zum »starken«. Daraus wird dann oft ge¬ schlossen, das Frauenarbeit automatisch leichte Arbeit ist - Arbeit, die billiger ist als schwere. Auch bei der Einstufung in Lohngrup¬ pen, wenn es darum geht, Qualifikationen für die Auswahl der Lohngruppe zu beurteilen, geraten Frau¬ en oft ins Hintertreffen. Denn oft haben Frauen die nötigen Kenntnisse nicht in beruflichen Ausbildungen oder bei Bildungsmaßnah¬ men im Betrieb erworben. Diese Kenntnisse werden dann bei Einstufungen nicht berücksichtigt und bleiben also auch unbe¬ zahlt. Besonders oft trifft Merkur das auf Fähigkeiten zu, die in Berufen gebraucht wer¬ den, die »hausarbeitsnah« sind, etwa Bügeln oder Nähen in textilen Berufen. Genau da liegen die großen Ungerechtigkeiten: Die Untersuchung der Metal¬ lerfrauen hat nämlich ge¬ zeigt, dass die Unterschie¬ de bei der Bezahlung von Frauen und Männern in den gleichen Lohngruppen nicht so groß sind. Die großen Unterschiede liegen in den Einstufungen selbst. Ein wichtiger Weg bei der Beseitigung der Einkom¬ mensunterschiede ist daher, die richtige Einstufung in¬ nerhalb der Gruppen der Facharbeiter bzw. der ange¬ lernten Arbeitnehmer zu er¬ reichen. Gute Beispiele in Europa In Schweden haben die Gewerkschaften fast zehn Jahre lang Tarifpolitik mit dem erklärten Ziel ge¬ macht, die Frauenarbeit aufzuwerten. Das hat be¬ wirkt, dass die Einkom¬ mensunterschiede zwi¬ schen Männern und Frauen kleiner geworden sind. Das haben sie mit Hilfe einer »Zwei-Töpfe-Politik« ge¬ macht. Die jährlich verein¬ barten Lohnerhöhungen wurden in zwei Teile ge¬ teilt: Der eine Teil der Ge¬ samtsumme kam allen, Männern und Frauen, zu¬ gute. Der andere Teil wurde zur direkten Verbesserung der Einkommen der Frauen verwendet. Auch in Deutschland bemühen sich 1/2003 arbeit ttlnsdmfl 2 7