Meinung Arbeit&Wirtschaft-rt Siegfried Sorz Chefredakteur Standpunkt Verlorene Tage, Halbdunkel und Kälte Der verlorenste Tag ist der, an dem man nicht gelacht hat.« Vor allem in Zeiten wie diesen. Kürzlich musste ich herzlich lachen. »War¬ te, ich muss dir was zeigen«, sagte die Kol¬ legin zu mir. Ich wartete. Sie hatte an ihrem Computer das Internet geöffnet und rief »Google« auf, ein Suchpro¬ gramm, mit dem Millionen und Aber¬ millionen von Internetseiten auf der ganzen Welt nach eingegebenen Schlag¬ wörtern durchsuchtwerden, vonJapan bis Australien oder Hawaii bis Feuerland. Als Suchbegriff gab sie ein: »völlige Inkom¬ petenz«. In exakt 0,07 Sekunden war das Ergebnis da. Unter den 890 Adressen, die aufgelistet wurden, stand eine an erster Stelle. Die Suchmaschine war fündig ge¬ worden. Raten Sie doch, was die Maschine gefun¬ den hatte! Ja, wirklich, da stand www.karlheinzgrasser.at. Es war die Ho¬ mepage von KHG, unserem Finanz¬ minister. Natürlich teile ich keineswegs die Ansicht der unbeseelten Maschine. Karl Heinz Grasser ist mitnichten völlig inkompe¬ tent, es sind ihm nur einige größere und kleinere Pannen passiert, unter anderem bei derWeiterverteilung der großzügig be¬ messenen Spenden der Industriellenverei¬ nigung, die er ebendieser seiner Homepa¬ ge gewidmet hatte. Er hatte nämlich ver¬ gessen, diese nicht unbeträchtlichen Sum¬ men zu - versteuern. Fast jeden Tag ste¬ hen dazu neue Details in der Tagespresse und KHG ist schon ein wenig in Be¬ drängnis, weil immer mehr Stimmen laut werden, die seinen Rücktritt fordern. Da ist ihm einer zu Hilfe gekommen und hat seine gewichtige Stimme erhoben: Wolfgang Schüssel. Und der Kanzler sagt (zur Homepage von Karl Heinz Grasser und zu den Spenden der Industriellenvereinigung): »Es wird ja behauptet, das sei kriminell. Wenn ein Verein wie der OGB in der Ver¬ gangenheit Projekte gefördert hat, die dem Sozialminister wichtig gewesen sind, ist kein Mensch auf die Idee gekommen, das sei kriminell. Ich finde es einfach ille¬ gitim, dass der Eindruck erweckt wird, dass alles, was hier geschieht, in einem kri¬ minellen Halbdunkel gemacht wird.« So etwas nennt man einen Entlastungs¬ angriff. Der Kanzler hat recht. Die Industriellen¬ vereinigung ist ein Verein und auch der Österreichische Gewerkschaftsbund ist nominell ein privatrechtlicher Verein. Der Kanzler hat auch recht, wenn er sagt, dass nicht »alles«, was hier geschieht, in ei¬ nem kriminellen Halbdunkel gemacht wird. Was nun den ÖGB betrifft, so zahlt der seine Steuern. Und falls es Spenden geben sollte, so kommen die sicher nicht, weder direkt noch indirekt, Freunden oder Fa¬ milienmitgliedern der Verantwortlichen zugute. An dieser Stelle haben wir schon oft kon¬ statiert, dass in unserem Lande in großem Maßstab eine Umverteilung von unten nach oben, von Arm zu Reich stattfindet. Da ist es natürlich völlig logisch, dass die Industriellenvereinigung gebefreudigwird und den Mann, der diese Umverteilung so überaus kompetent durchzieht, mit frei¬ gebigen Spenden beglückt. Mich persönlich würde es ja wirklich ganz immens freuen, wenn ich endlich verneh¬ men könnte, die Industriellenvereinigung hätte Projekte zur Wiedereingliederung von Langzeit-Arbeitslosen mit hochherzi¬ gen Spenden dotiert oder vielleicht Pro¬ jekte, mit denen Lehrplätze für Jugendli¬ che gefördert werden, verschwenderisch unterstützt. Aber das sind offensichtlich die Opfer, die wenig beachtet am neoli¬ beralen Wegesrand liegen bleiben. Während also der Kanzler die Großzü¬ gigkeit der Industriellenvereinigung in Beziehung zu setzen versucht zur Großzü¬ gigkeit des Gewerkschaftsbundes bei So¬ zialprojekten und damit meint, er hätte ein medial konstatiertes kriminelles Halb¬ dunkel in gleißendes Licht getaucht, während also der Bundeskanzler seinen verbalen Entlastungsangriff vorträgt, agiert sein Kollege und Partner in Kärn¬ ten. Sie wissen doch, ich meine jenen Herrn, dessen Faschingsauftritte im Schottenrock die Österreicher soeben be¬ staunen durften. Was macht er, wenn er keinen Schotten¬ rock trägt? Sehr gern sitzt er in der Lan¬ desregierung in Klagenfurt und zahlt Kleingeld an die Pensionisten aus. Wer hat unsere Eltern und Großeltern zu Almosenempfängern degradiert? Der Herr Haider? Der Herr Grasser? Der Herr Schüssel? Die Bundesregierung? Gibt es vielleicht jemanden, dem man zu¬ trauen könnte, dass er es besser macht? Damit es solche entwürdigenden Szenen nicht mehr gibt? Wir sind nicht auf der Suche nach strahlenden Helden, aber ein bisschen mehr Licht ins vorherrschende Halbdunkel und ein bisschen mehr Wär¬ me in diese alles durchdringende soziale Kälte täte uns allen gut. Und wenn wir schon vom Guten reden, so heißt es doch: »Es gibt nichts Gutes, außer man tut es.«Und jeder von uns kann was tun. Nicht nur in der Wahlzelle. Siegfried Sorz